Inversion Iran 2016 – 84min.

Inversion

Filmkritik

Zur Verantwortung verdammt

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Eine Frau zwischen Tradition, Verpflichtung und Selbstbestimmung: Die Iranerin Niloofar, Mitte 30, hat die Schneiderei ihres verstorbenen Vaters in Teheran übernommen und führt sie souverän. Doch ihre Selbständigkeit wird durch die Familie in Frage gestellt, sie muss ihr Geschäft aufgeben, um ihre asthmakranke Mutter in die Provinz zu begleiten. Behnam Behzadis Drama schildert intim und intensiv ein (familiäres) gesellschaftliches Dilemma.

Unter Inversion versteht man Umkehrung, Eine Inversionswetterlage ist durch Umschichtung geprägt: Die obere Luftschicht ist wärmer als die untere. Der Filmtitel «Inversion» trifft die Konfliktsituation des Familiendramas genau: Die Verhältnisse werden umgekehrt. Die unverheiratete Niloofar (Sahar Dolatshahi), Mitte 30, führt souverän die Schneiderei ihres verstorbenen Vaters in Teheran weiter. Sie und ihre Schneiderinnen haben ein gutes Auskommen. Niloofar hat eine Beziehung zum Jugendfreund Soheil aufgenommen. Eine Partnerschaft bahnt sich an. Diese Frau ist aus unserer Sicht selbständig, aber nicht unabhängig. Sie betreut ihre schwer asthmakranke Mutter, die auf Raten der Ärzte unbedingt dem Smog Teherans entfliehen und aufs Land ziehen sollte.

Für die Familie ist die Sache klar: Nilofaars Bruder Farhad (Ali Mosaffa) und Schwester Soudabeh bestimmen die Jüngste als Schutzbefohlene der kranken Mutter. Hinter ihrem Rücken und über ihren Kopf verkaufen sie Geschäft und Haus und stellen die jüngste Schwester vor vollendete Tatsachen. Sie ist in ihrer aufoktroyierten Verantwortung gefangen. «Ich bin erzogen worden, Verantwortung zu übernehmen, ohne dass ich gefragt wurde», stellt sie bitter fest. Sie hat keine Chance, dem Familienbann zu entkommen und trifft doch eine Entscheidung für sich.

Eine Frau im Dilemma: Niloofar wurde quasi fremdbestimmt, daran gewöhnt der Tradition, den Direktiven der Familie, der Gesellschaft zu gehorchen – und keine Wahl zu haben. Und nun diese Situation: Entweder oder. «Sie benötigt die Inversion, um sich und andere daran zu erinnern, dass sie ein Recht zur Wahl hat», erklärt Behnam Behzadi (45), Fotograf, Schauspieler, Autor, Filmer und Dozent an der Teheraner Hochschule für Kunst. «Im Endeffekt benutzt sie das Recht vielleicht gar nicht. Erst wenn dir etwas fehlt, bemerkst du die Wichtigkeit dessen. Um es zu bekommen, bist du bereit, anderes zu verlieren.»

So steht der Familienkonflikt in «Inversion» für eine aktuelle gesellschaftliche Entwicklung – nicht nur im Iran. Die Verhältnisse ändern sich, die männlich dominierte Hierarchie bröckelt – hier und da. Behzadi versteht sein Drama als «Stimmungsbild». Schlicht, einfach und direkt erzählt, wird der Konflikt fast still, aber gleichwohl einschneidend ausgetragen, ja dokumentiert, wobei Sahar Dolatshahi als Niloofar eine tragende Rolle zukommt, die sie authentisch und wahrhaftig erfüllt. «Inversion» wird zum Sinnbild einer Veränderung, eines Umbruchs und einer Umkehrung – vielleicht.

03.07.2017

4

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