CH.FILM

Rue de Blamage Schweiz 2017 – 83min.

Rue de Blamage

Filmkritik

Die Strasse der Vielfalt

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

In Rue de Blamage porträtiert Aldo Gugolz einige Bewohner der Luzerner Baselstrasse. Sie liegt in einem Quartier, das nicht den besten Ruf genießt: 76 Nationen, Bordelle, Drogenhandel. Neutral und unvoreingenommen lässt er die Bewohner vor der Kamera ganz sie selbst sein. Somit gelingt ein nachhaltiger, unbefangener Blick auf vielseitige, teils kuriose Lebensrealitäten.

Rue de Blamage, wie die Baselstrasse im Volksmund genannt wird, porträtiert fünf Menschen, die alle in der Ausfallstrasse im Norden der Stadt zu Hause sind. Sie leben am Rande der Gesellschaft, denn dem Quartier eilt nicht der beste Ruf voraus. Hier leben über 70 Nationen, darunter viele Geflüchtete, soziale Härtefalle, Heimat- und Mittellose. Ein Einwanderer-Quartier mit schummrigen Ecken, grauen Fassaden und Bordellen. Filmemacher Aldo Gugolz begleitet einige Bewohner in ihrem Alltag und holt sie so aus ihrem Schattendasein heraus.

Nach einigen Fernsehdokumentationen wie Topf & Söhne (2011), Spaghetti, Sex und Video (2011) oder Remo Largo - Ein Leben für unsere Kinder (2016) realisierte Gugolz mit Rue de Blamage nun erneut eine Dokumentation für die Kinoleinwand. Er ist gebürtiger Luzerner, lebt heute aber in Berlin. Früher arbeitete der freie Kameramann und Filmemacher u.a. als Lokaljournalist. Rue de Blamage erlebte seine Premiere bei den diesjährigen Solothurner Filmtagen. Insgesamt begleitete Gugolz die Protagonisten rund drei Jahre mit der Kamera.

Die Bandbreite der fünf Einwohner ist groß und vielfältig. Für den Film ist es ein großer Gewinn, dass sich alle Porträtierten dem Filmemacher gegenüber bedingungslos öffnen und ihn an ihrem Leben teilhaben lassen. Ein Leben, das für viele tagtäglich ein harter Kampf ist. So auch für einen drogensüchtigen Straßenmusiker – einer der vielen schrulligen Bewohner der Baselstrasse. Sympathisch ist er und humorvoll, aber leicht hat er es nicht. Dabei wolle er eigentlich nur endlich für seine Familie da sein, wie er mit traurigem Blick in die Kamera sagt.

Gugolz ist bei sehr intimen, zu Herzen gehenden Momenten dabei, die ungekünstelt den harten Alltag des (Überlebens-)Künstlers wiedergeben: etwa, wenn er sich zum Schlafen in ein schäbiges Parkhaus zurückzieht oder ein paar Menschen in einem Café Lieder vorspielt, um an das dringend benötigte Kleingeld zu kommen. Nah geht einem auch das Leid einer syrischen Mutter, die eine Wohnung im Quartier sucht, um ihre Tochter endlich zu sich zu holen.

Rue de Blamage zeigt auch eine Bordellbesitzerin, die unzählige Geschichten über ihre Stammgäste zu erzählen weiß. Im Laufe der Jahre ist sie zur Erkenntnis gelangt, dass das mit der Monogamie ein einziger Trugschluss sei. Denn die meisten ihrer Kunden sind "verheiratete Familienväter", wie sie meint. Gugolz tut gut daran, auf ein Urteil sowie (kommentierte) Einordnung zu verzichten. Stattdessen zeigt er – ganz unmittelbar und wertfrei – Lebensrealitäten, die einem nahe gehen und sich tagtäglich in der Baselstrasse abspielen.

31.03.2017

4

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Kommentare

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Yvo Wueest

vor 2 Jahren

Wer in Luzern wohnt, wer hier aufgewachsen ist oder eine Zugsverbindung kennt: sie alle sollten diesen feinen, berührenden Film über die kleinen grossen Menschen, die an der "Baselstrasse" leben, sehen. In den mitunter intimen Begegnungen mit Schweizerinnen und Migranten lernen wir ihre Sicht auf die Welt, ihre Hoffnungen und Wünsche kennen. Der Besuch und die Begegnungen beindrucken; im Quartier und ... auf der auf der grossen Leinwand.Mehr anzeigen


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