Quand on a 17 ans Frankreich 2016 – 116min.

Filmkritik

Diffuse Gefühle

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Im Alter wird man gemeinhin gelassener und kann mit Geist und Gnade auf vergangene Lebensjahre zurückblicken. Der französische Regisseur André Téchiné hat sich jetzt mit 72 Jahren noch mal daran erinnert, wie es war, 17 zu sein.

Damien und Thomas gehen zwar in die gleiche Klasse, aber sie können sich nicht ausstehen. Damien ist der verwöhnte Sohn der Landärztin der Region, Einzelgänger Thomas lebt mit seiner Familie auf einem abgelegenen Bauernhof in den Bergen. Als Thomas’ Mutter krank wird und ins Krankenhaus muss, legt Damiens Mutter ihren hippokratischen Eid sehr großzügig aus und beschließt, dass Thomas die nächste Zeit bei ihnen wohnen soll – natürlich sehr zum Unmut von Damien. So verbringen sie die Nachmittage nach der Schule unter einem Dach, doch hinter ihrer gegenseitigen Abneigung erwächst ein leises Gefühl der Anziehung...

Bereits 1994 hat André Téchiné mit Wilde Herzen bewiesen, dass er zwar höchst emotional, aber ohne Sentimentalitäten vom süßen Vogel Jugend erzählen kann. Mit Quand on a 17 ans will er nun inhaltlich an seinen größten Erfolg anknüpfen – und das gelingt ihm tatsächlich mühelos.

Der Altmeister beweist hier erneut ein gutes Händchen, wenn es darum geht, das diffuse Gefühl der Verunsicherung während des Heranwachsens und das mitunter schmerzhafte Entdecken der eigenen Identität präzise einzufangen. Und so entladen sich hier all die seltsamen Emotionen, die einem als Teenager in unkontrollierten Bahnen durch die Seele rauschen, in Aggressionen. Doch Schicht für Schicht entblößt sich im Laufe des Films die eigentliche Sehnsucht hinter dieser Wut.

Auf den ersten Blick ist Quand on a 17 ans ein klassisches Coming-of-Age-Drama, doch Téchiné erzählt hier von der Schwere der Pubertät mit derartig poetischer Leichtigkeit, wie man sie selten findet. Dass die relativ einfache Geschichte nicht in die Beliebigkeit kippt, liegt vor allem an den komplex und liebevoll gezeichneten Figuren. Vor allem Kacey Mottet-Klein, der dieses Jahr auf Berlinale als Schweizer Shooting Star 2016 ausgezeichnet wird, und das französische Model Corentin Fila, der hier sein Kinodebüt feiert, meistern glaubhaft den Wechsel zwischen Ablehnung und Anziehung der beiden Streithähne. Hinzu kommt die wunderbare Sandrine Kiberlain, die als gutmütige Ärztin im Virginia-Woolf-Look über alldem wacht und dem Schicksal im richtigen Moment auf die Sprünge hilft. Und so ist Quand A 17 Ans ein großartiger Adoleszenz-Film, der ohne zu verklären die Bitterkeit der Jugend aufzeigt, aber sich zugleich daran erinnert, wie überwältigend die großen Gefühle der ersten Liebe waren.

14.11.2016

5

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Kommentare

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papilio

vor 3 Jahren

Bravo! Wieder einmal ein sensationeller französischer Film, der unter die Haut geht.


freigut

vor 3 Jahren

Schön gefilmt, gute Schauspieler – aber die Handlung überzeugt nicht und wirkt konstruiert. Woher stammen eigentlich die Aggressionen von Thomas, die im Film ja die zentrale Rolle spielen? Warum werden zwei so sportliche Leute von keiner Sportmannschaft gewählt? Warum diese endlose Darstellung der Abdankung von Damiens Vater, die mit der Story in kaum einem Zusammenhang steht? Alles in allem nur ein durchschnittlicher Coming-out-Film, passend für irgendwelche schwulen Filmfestivals, aber für ein anspruchsvolles Publikum zu wenig glaubwürdig. Schade.Mehr anzeigen


Filmenthusiast

vor 3 Jahren

Schöner, gut gemachter Film


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