Machines Finnland, Deutschland, Indien 2016 – 71min.

Filmkritik

Menschliche Maschinen

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Jeder von uns trägt sie: Kleidung. Geeigneter Stoff für eine Dokumentation also. Das Filmdebut des Regisseurs Rahul Jain dreht sich dann auch um das Geschehen in einer Textilfabrik irgendwo in Indien – und rüttelt ohne Kommentar, dafür mit eindrücklichen Bildern auf.

Es rattert, rollt und rührt in Machines, Stoffberge türmen sich auf, bis sie so gross sind, dass sie in sich zusammenfallen. Die Arbeiter in der indischen Fabrik sind tagein, tagaus mit der Produktion von Stoffen für die Textilindustrie beschäftigt, 12 Stunden lang für gerade mal drei Dollar am Tag. Beschäftigung kann man die monotone Arbeit aber fast nicht nennen – weder die Knaben noch die Männer, die in der Fabrik arbeiten, können ihre Erschöpfung verbergen und ruhen sich in den kurzen Pausen direkt auf den Stoffen aus, die sie unermüdlich herstellen: Die Fabrik ist sozusagen ihr Zuhause.

Mit seinem Debutfilm Machines wirft Regisseur Rahul Jain, selbst Enkel eines Fabrikbesitzers, einen ungeschönten Blick auf die Funktionsmechanismen der Modeindustrie. Dank Aufnahmen aus einer gigantischen Textilfabrik im indischen Gujarat taucht der Zuschauer auf intime Art ein in das Leben eines Fabrikarbeiters: Man sieht, wie Stoffe zurechtgerückt, wie meterweise Tücher aufgetürmt und literweise Farbe angerührt werden. Da Jain im 71-minütigen Portrait vollends auf Musik und Off-Kommentare verzichtet, wird einem die prekäre Situation schleichend bewusst: Die Arbeiter mischen die chemischen Farbe mit blossen Händen, tragen für ihre Arbeit T-Shirts und Shorts, duschen neben den kaum abgeflossenen Restfarben, schlafen während ihrer Arbeit beinahe ein.

Dass die Bilder und das fast schon Soundtrack-artige, beruhigende Rattern und Scheppern zunächst etwas ästhetisch sehr Ansprechendes haben, macht die Erkenntnis nach einer Weile nur noch eindringlicher: Obwohl die Fabrikarbeiter in den seltenen Momenten, in denen sie zu Wort kommen, bestätigen, dass sie auf keinen Fall ausgenutzt werden, sind die Arbeitsbedingungen, die einem in Machines präsentiert werden, für westeuropäische Verhältnisse grundlegend unmenschlich. Den Aussagen des Managers kann man dann auch fast nicht zuhören, als dieser lamentiert, dass die Arbeiter auf keinen Fall mehr verdienen sollten – dies würden sie sowieso nur für Alkohol und sonstigen Unnutz ausgeben.

Informativ ist die intime Dokumentation kaum – Fakten wie der Lohn oder der Umstand, dass gewisse Arbeiter für den Arbeitsweg von 1'000 Kilometern einen Kredit aufnehmen, um dann in der Fabrik Doppelschichten zu schieben, werden eher Häppchenweise per Kommentar der Arbeiter eingestreut. Nichtsdestotrotz hat Machines mit seiner fast schon malerischen Bildgewalt und der monotonen akustischen Untermauerung eine aufrüttelnde Wirkung und regt zum Nachdenken an – über eine globalisierte Welt und moderne Armut. „Mein einziger Trost ist, dass wir alle irgendwann sterben werden, und auch die Reichen nichts ins Grab mitnehmen können“. Spätestens bei dieser Aussage kann man sich der Botschaft des Films nicht verwehren: Machines ist harte, aber wichtige Kost.

19.01.2018

4

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