Die Tänzerin Belgien, Tschechische Republik, Frankreich 2016 – 108min.

Die Tänzerin

Filmkritik

Ein Fest fürs Auge

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Es gibt Menschen, die werden einfach vergessen, auch wenn sie etwas Besonderes erschaffen haben. Die Tänzerin Loïe Fuller revolutionierte zum Ende des 19. Jahrhunderts den Tanz, indem sie einen Schleiertanz erfand, der Ähnlichkeiten mit dem Tanz der Derwische hat, aber Dank einer ausgeklügelten Lichtchoreographie weit darüber hinaus geht. Fuller ist heutzutage mehrheitlich vergessen, aber die Regisseurin Stephanie di Giusto war von ihr so fasziniert, dass sie ihre Geschichte erzählen wollte.

Loïe Fuller (Soko) ist ein Bauernmädchen aus den USA, das in New York Schauspielerin werden will. Doch wie es der Zufall so will, ist sie bei ihrem ersten Bühnenauftritt gezwungen, zu improvisieren – und tanzt mit einem Schleier. Das bringt sie auf die Idee zu einem Schleiertanz, mit dem sie schließlich bis nach Paris kommt. Aber der ambitionierte Tanz fordert seinen körperlichen Tribut – und um Fullers Selbstachtung ist es auch nicht weit bestellt, was ihr Protegé Isadora (manipulativ: Johnny Depps Tochter Lily-Rose) zu nutzen weiß.

Di Giusto hat sich Freiheiten genommen – auch in Fullers Biographie. So dichtet sie ihr einen französischen Vater an, das aber auch nur, weil sie eine Begründung für den Akzent ihres Stars Soko haben wollte. Fasziniert war die Regisseurin auch, weil Fuller eine Frau war, die sich gegen Widrigkeiten durchsetzen konnte. Sie war keine klassische Schönheit. Viel zu muskulös, viel zu breit, viel zu grobschlächtig, als dass sie als Ballerina hätte Erfolg haben können.

Aber sie wollte tanzen und tat das mit der von ihr selbst erfundenen Technik und Choreographie. Dabei war sie sehr darauf aus, das Farbspiel selbst zu gestalten und gab den Technikern exakte Anweisungen. Für Fuller war es der Tanz, den die Menschen sehen wollten, nicht sie. Das ist das Dilemma von La Danseuse.

Als filmisches Porträt funktioniert La Danseuse sehr gut, über sich hinaus wächst das Ganze jedoch, wenn die Hauptfigur zu tanzen beginnt. Der echten Fuller war es egal, welche Musik ihren Tanz unterlegte, Di Giusto entschied sich jedoch für Max Richters moderne Interpretation von Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Die Musik ist ganz und gar im Einklang mit den wirbelnden Schleiern, die in unterschiedlichen Farben erstrahlen. Es ist, als würde man einer Blume beim Blühen oder einem Schmetterling beim Fliegen zusehen, nur noch schöner. Selbst, wenn die übrige Geschichte nichts zu bieten hätte, wäre es alleine diese großartige Sequenz wert, den Film auf der großen Leinwand zu sehen. Erfreulicherweise ist dem aber nicht so.

La Danseuse funktioniert in seiner Gesamtheit, weil er tief unter die Oberfläche blickt und das filigrane, sehr subtile Porträt einer Frau zeichnet, die von Selbsthass getrieben war.

14.11.2016

4

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