Fai bei sogni Frankreich, Italien 2016 – 131min.

Filmkritik

Kindliche Sehnsucht und späte Erlösung

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Massimo, der neunjährige Knabe, verliert seine Mutter und leidet jahrelang an diesem Verlust. Massimo, erfolgreich als Zeitungsreporter aus Turin, kann den Verlust nicht überwinden. Altmeister Marco Bellocchino verfilmte den autobiographischen Roman von Massimo Gramellini – ein langmütiges Drama über ein Sohn-Mutter- Trauma. Die Eigentherapie ist immerhin überraschend.

Sie sind ein Herz und eine Seele, die Mutter (Barbara Rochi) und ihr neunjähriger Sohn Massimo (Nicolò Cabras). Sie scherzen zusammen, begeistern sich Ende der Sechzigerjahre am Fernsehen und der Serie um das Phantom «Belphégor». Der Vater (Guido Caprino) ist eingefleischter Torino-Fan. Man wohnt in unmitterlbarer Nachbarschaft zum Fussballstadion. Abends wird der Knabe liebevoll mit mütterlichen Wünschen in den Schlaf geschickt: «Fai bei sogni – Träum was Schönes». Doch eines Morgens ist die Mutter verschwunden, ein Verlust, den der Junge jahrzehntelang nicht überwinden wird, auch nicht nach 30 Jahren. Massimo (Valerio Mastandea) ist erfolgreicher Reporter und Kolumnist bei der Zeitung «La Stampa» in Turin geworden. Er war Sportreporter, als Berichterstatter auf dem Kriegsschauplatz Sarajwo im Einsatz oder Zeuge einer dramatischen Pokerrunde mit Prominenz. Er findet auch 30 Jahre dem Tod seiner Mutter keine innere Ruhe.

Marco Bellocchios Drama schlüsselt das persönliche Dilemma des mutterfixierten Journalisten quasi in Rückblenden auf. Im Jahr 1999 wird Massimo mit Erinnerungen konfrontiert, als er die Wohnung seines verstorbenen Vaters auflösen muss. Bilder, Erinnerungsstücke und der TV-Dämon «Belphégor» tauchen auf. Der Vater hat ihm ein Geheimnis vorenthalten. Massimo, vereinsamt und verloren wird mit einer Wahrheit konfrontiert, die man ihm vorenthalten hat. Panikattacken sind die Folgen dieser unschönen Neuigkeit: Psychologische Hilfe muss her. In die (bildhübsche) Therapeutin Elisa (Bérénice Bejo), seiner Mutter nicht unähnlich, verliebt er sich prompt. Sie rät ihm, sich und seiner Vergangenheit zu stellen. Erst als Massimo sich in einer Kolumnenreihe, ausgelöst durch einen Leserbrief, zu Gefühlen und zur eigenen Wahrheit bekennt, findet er Frieden.

Die Verschränkungen, Verschlüsselungen und Sprünge des Films ziehen sich zwar über zweieinviertel Stunde hin, stiften aber keine Verwirrung, sondern sind in sich schlüssig. Der grosse Zeitraum von Mitte der Sechzigerjahre bis 1999 wird durch kurze, eingestreute Zeitereignisse akzentuiert. Der italienische Altmeister Bellocchio hat sich einmal mehr seinem Lieblingsthema zugewandt, der Familie, den Verzahnungen, Tragödien. Fai bei sogni ist nicht nur ein Drama über Vertuschung und Verlust, sondern auch über eine unbewältigte Vergangenheit, über Mut zur Wahrheit und betrogene Liebe.

23.06.2017

4

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