Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück USA 2016 – 118min.

Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück

Filmkritik

Papa gegen den Rest der Welt

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Das Kino hat ein Faible für Einzelgänger. Egal ob Weirdos, Outlaws oder Exzentriker – Leute, die im realen Leben eher von der Norm gemieden werden, werden zu Lieblingen auf der Leinwand. Auch Captain Fantastic erzählt von einer Familie die aus der Gesellschaft ausstieg, um ihren Frieden zu finden. Und letztlich doch wieder von der Außenwelt eingeholt wird.

Tief in den Wäldern Nordamerikas hat sich der linksintellektuelle Aussteiger Ben (Viggo Mortensen) mit seiner Frau Leslie und seinen sechs Kindern ein Refugium geschaffen. Hier werden Geist und Körper gleichermaßen trainiert, die Kinder lernen jagen, sie sprechen fließend Esperanto und haben eine dezidierte Meinung zu Nabakovs "Lolita". Die Familie lebt als Selbstversorger von allen äußeren Einflüssen abgeschottet und statt Weihnachten feiert man hier den Noam-Chomsky-Day. Doch als Leslie plötzlich stirbt, müssen Ben und die Kinder ihr Utopia verlassen, denn es gilt, die spießige, christliche Beerdigung, auf die Leslies Eltern bestehen, zu verhindern. Und während die eigenwillige Truppe auf einem Roadtrip quer durchs Land zieht, muss sie immer wieder feststellen, wie sehr ihre Lebensweise mit der Außenwelt kollidiert...

Vom unsäglichen Titel "Captain Fantastic" sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn Regisseur Matt Ross hat mit diesem Film ein tragikomisches Roadmovie mit liebenswerten Charakteren ganz im Geiste von Little Miss Sunshine geschaffen. Auch hier geht es mit dem Bus quer durchs Land, auch hier machen die Protagonisten immer wieder deutlich, wie unhinterfragt manche gesellschaftlichen Mechanismen übernommen werden und dass bei genauerem Hinsehen nicht alles so "normal" ist, wie es scheint. Ross hält vor allem der hyperkapitalistischen Gesellschaft einen Spiegel vor, aber stellt zugleich die Frage, wie autark man wirklich von ihr leben kann und wie viel Egoismus darin steckt, ihr vollkommen den Rücken zuzukehren.

Doch trotz aller Mainstream-Schelte ist Captain Fantastic vor allem eines: Eine treffsichere Komödie, die mit clever-entlarvenden Dialogen und einem Händchen für schräg-schöne Situationen überzeugen kann. Dass der Film dabei konventionellen Erzählstrukturen folgt und vorhersehbare Wendungen nimmt, ist vernachlässigenswert, denn zu groß ist die Sympathie für die wilde Außenseiter-Bande. Und so ist Captain Fantastic ein klassisches, aber charmantes Stück Underdog-Wohlfühlkino.

30.08.2016

4

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Kommentare

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dulik

vor einem Jahr

Ein toller Road-Movie, der das moderne Bildungs- und Erziehungssystem auf unterhaltsame Art und Weise hinterfragt, ohne dabei aber belehrend zu wirken. Die Geschichte bietet einen guten Mittelwert zwischen witzigen und traurigen Momenten. „Captain Fantastic“ ist somit ein Film, der zwar zum Nachdenken anregt, aber dennoch locker daherkommt und ist somit definitiv eine Empfehlung.
7.5/10Mehr anzeigen


er_sirvice

vor 2 Jahren

Hammer Film, super Schauspieler.
Zeigt das Dilemma zwischen Sein und Schein auf.


frozone

vor 2 Jahren

Sehr sympathischer Film von A bis Z... Schade nur, dass die Handlung etwas gar einfallslos daherkommt. Dennoch 4 Sterne, weil ich (am Sonntagabend!) mit einem Lächeln aus dem Kinosaal ging...


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