American Pastoral USA 2016 – 108min.

Filmkritik

Eine Bilderbuchfamilie zerbricht

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Gerade in letzter Zeit wird er wieder vehement beschworen, da es ihn – so die Feststellung der Populisten – unbedingt zu erneuern gilt. Noch immer hält der amerikanische Traum, das Versprechen, alles erreichen zu können, die Menschen gefangen. Fasziniert hat uns über die Jahre auch die Brüchigkeit der großen Glücksverheißung, die etwa Philip Roth in seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman "American Pastoral" genauer unter die Lupe nimmt. Schauspieler Ewan McGregor hat den komplexen Stoff nun für die Leinwand adaptiert – mit durchwachsenem Erfolg.

Schon auf der Highschool wird der attraktive und sportlich begabte Seymour Levov (Ewan McGregor) von allen verehrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratet der junge Mann die Schönheitskönigin Dawn (Jennifer Connelly) und übernimmt nur wenig später die Handschuhfabrik seines Vaters Lou (Peter Riegert). Als das Ehepaar Levov mit der kleinen Merry eine reizende Tochter bekommt, setzt sich das Bild der Vorzeigefamilie endgültig zusammen. Kummer bereitet Seymour und Dawn lediglich die Tatsache, dass ihr Kind zu stottern beginnt, was laut Psychologin eine Art Auflehnung gegen das perfekte Elternhaus darstellen könnte. Merrys rebellische Haltung verfestigt sich immer mehr und führt dazu, dass sie sich als Jugendliche – nun gespielt von Dakota Fanning – politisch radikalisiert. Als ihr Heimatort von einem Bombenanschlag erschüttert wird und Merry nach der Tat spurlos verschwindet, liegt die Welt der Levovs in Scherben.

Ähnlich wie in der Romanvorlage entwickelt sich das Familiendrama aus einer Rahmenhandlung heraus, bei der der Schriftsteller Nathan Zuckerman (David Strathairn) auf einem Highschool-Jahrgangstreffen Seymours jüngerem Bruder Jerry (Rupert Evans) begegnet. Bereits die ersten Voice-over-Kommentare des Autors lassen erahnen, dass das Leben des beliebten und erfolgreichen Levov wider Erwarten aus den Fugen geraten ist. Der Titel, der die Vorstellung eines sorgenfreien, ländlichen Paradieses heraufbeschwört, erhält so automatisch einen ironischen Beiklang.

Wenig verwunderlich geht es im Folgenden um die Entzauberung des vermeintlich perfekten amerikanischen Familiendaseins vor dem Hintergrund einer turbulenten Zeit. Leider gelingt es Regie-Debütant McGregor nicht immer überzeugend, den Aufruhr der 1960er Jahre mit dem Schicksal der Levovs zu verzahnen. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Tochter, deren Wandel zur militanten Systemgegnerin lediglich stichpunktartig umrissen wird. Die Figur Merry bleibt unterentwickelt, was auch für ihre Mutter gilt, die der Film in der zweiten Hälfte fast nur noch als fragiles Nervenbündel zeigt. Intensive Einzelszenen hat American Pastoral, nicht zuletzt dank einnehmender Darstellerleistungen, zu bieten. Das Gesamtkonstrukt lässt aber den nötigen Tiefgang vermissen, um durchgehend zu fesseln und nachhaltig berühren zu können.

21.11.2016

3

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Kommentare

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anabah

vor 3 Jahren

Hatte recht grosse Erwartungen an den Film; sie sind aber im Grossen und Ganzen bestätigt worden. Sehr eindrückliche Thematik, die mich nachdenklich stimmt und noch länger nachwirken wird. Der Film nimmt von Anfang an gut an Fahrt auf, bleibt spannend, bis etwa zur Hälfte, wo es ein paar Durchhänger und auch Wirrungen gibt. Trotzdem sehr empfehlenswert!Mehr anzeigen


Cinegirl

vor 3 Jahren

Keine leichte Kost. Doch ein Thema, dass gegenwärtig präsent ist und das soziale Zusammenspiel wiederspiegelt. Ob Tochter, Vater, Mutter, Begleiter oder Freund. Wir alle erkennen unsere Rolle. Ein wunderschöner Film, der so zeitgemäss ist.


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