All I See Is You Thailand, USA 2016 – 109min.

All I See Is You

Filmkritik

Die Wahrheit eines Augenblicks

Julian Gerber
Filmkritik: Julian Gerber

Wie es sich anfühlt, wenn man vom einen auf den anderen Tag seine Sehkraft wiedergewinnt, erlebt die schöne Gina in All I See Is You. Dass diese Veränderung jedoch auch negative Folgen mit sich bringt, bekommt sie schon bald zu spüren. Regisseur Mark Forster beleuchtet die düsteren Abgründe einer Beziehung, indem er den Zuschauer mitnimmt auf einen visuellen Trip, der sowohl mit faszinierenden wie auch verstörenden Bildern aufwartet.

Da braut sich ordentlich was zusammen in Mark Forsters neuestem Film All I See Is You: Die seit Kindertagen erblindete Gina (Blake Lively) lebt mit ihrem Mann James (Jason Clarke) – von dem sie quasi komplett abhängig ist – in Bangkok. Wie durch ein Wunder, erlangt sie dank einem medizinischen Eingriff ihre Sehkraft wieder und entwickelt daraufhin ein neues Selbstbewusstsein: Plötzlich ist die schöne Gina nicht mehr auf ihren Ehepartner angewiesen, was diesem zu schaffen macht, da er sich durch das Handicap seiner Frau speziell gefühlt hat und keine anderen Männer als Konkurrenz fürchten musste. Ihre zuvor leidenschaftliche Beziehung gerät zunehmend in Schieflage – auch weil Gina nun erkennt, dass James eigentlich ein ganz gewöhnlicher Typ ist. Eine Reise nach Spanien und der anschliessende Besuch bei Ginas Schwester in Barcelona machen die Probleme nur noch schlimmer. Bald schon geschehen merkwürdige Dinge und verstörende Details treten ans Tageslicht.

All I See Is You ist ein bildgewaltiges Spektakel, das dem Zuschauer einen Einblick in Ginas Welt gewährt, indem die Szenen im Film immer wieder aus ihrer Perspektive gezeigt werden. Anfangs verspürt man in gewissen Momenten ihre Hilflosigkeit, während wir in anderen Szenen teilhaben an ihren abstrakten Fantasievorstellungen, die sie in einen scheinbar endlosen Ozean eintauchen oder in einem Gemenge von sich paarenden Körpern verschwinden lassen. Auch das Wiedererlangen ihrer Sehkraft wird nicht als “Heilung” von heute auf morgen abgehakt, sondern präsentiert sich als Prozess, der sowohl eine körperliche, wie auch eine psychische Veränderung mit sich bringt, was von Blake Lively sehr eindringlich dargestellt wird. Die beeindruckende Visualität täuscht jedoch nicht über erzählerische Schwächen hinweg: Schon früh im Film deuten verstörende Szenen auf eine düstere Wende hin, die jedoch nur halbherzig eintritt. Der Film verpasst es, eine wegweisende Richtung einzuschlagen – will er als emotionales Beziehungsdrama daherkommen oder als psychologischer Thriller? Als Zuschauer wird man im luftleeren Raum gelassen, weshalb ab einem gewissen Zeitpunkt der Geduldsfaden reisst und die Konzentration abnimmt, was schade ist für die vielversprechende Ausgangslage und die tollen Bildarrangements, die der Film bereithält.

06.12.2017

3

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Kommentare

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as1960

Blake Lively erhält in "All I See Is You" durch eine Operation ihr Augenlicht zurück. Und plötzlich ist ihre Beziehung zu ihrem fürsorglichem Mann eine andere. Dieser kann mit der "neuen" Frau nicht wirklich umgehen. Interessante Ausgangslage, schöne Bilder... aber während die Hauptdarstellerin mit fortlaufender Dauer besser sieht, fehlte mir der Durchblick, was der Film eigentlich soll. Liebesdrama, Thriller? Zu unklar ist das Drehbuch. Marc Foster hat schon wirklich interessante, spezielle Filme gemacht. Dieser hier erscheint mir aber leider wie nicht wirklich durchgedacht.

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