Ein deutsches Leben Österreich 2016 – 107min.

Ein deutsches Leben

Filmkritik

Die Sekretärin des Hetzers

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Die differenzierte, kluge Doku A German Life lässt Brunhilde Pomsel über ihre Zeit im NS-Propagandaministerium berichten. Pomsel arbeitete von 1942 bis 1945 für einen der schlimmsten Nazi-Verbrecher: Joseph Goebbels. Der Film lebt von der Authentizität sowie dem interessanten Charakter der Protagonistin und fordert auch den Zuschauer zur kritischen Reflexion auf.Erstmals berichtet Brunhilde Pomsel vor der Kamera ausführlich u.a. darüber, wie sich der Alltag in einem NS-Ministerium gestaltete. Und: wie sie Goebbels sowie die allgegenwärtige Judenverfolgung erlebte. Nach dem Krieg wurde Pomsel für fünf Jahre in Speziallagern der Rotarmisten interniert. Anschließend arbeitete sie wieder als Sekretärin.

„A German Life“ wurde von vier Regisseuren realisiert, die auch die Gespräche mit Pomsel führten. Unter ihnen der Historiker Olaf S. Müller, der bis heute zahlreiche Dokus fürs deutsche Fernsehen drehte. „A German Life“ feierte seine Premiere im April 2016 beim Filmfest Nyon. Pomsel, die 1911 im deutschen Kaiserreich geboren wurde, verstarb am 27. Januar 2017 – dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Die meiste Zeit des Films wird Pomsel von den Regisseuren befragt. Daneben gibt es ausgewählte Zitate von Goebbels, private Super-8-Aufnahmen und Szenen aus US-Aufklärungsvideos zu sehen. In Dokumentationen, die das Element des Interviews derart in den Mittelpunkt rücken, steht und fällt alles mit dem Befragten. A German Life hat den großen Vorteil, über eine beeindruckende Person und ganz außergewöhnliche Zeitzeugin zu verfügen. So ist Pomsel eine höchst eloquente Interviewpartnerin: Ihren Mund verlassen fast ausschließlich druckreife Sätze und Äußerungen.

Dazu gesellt sich ihr erstaunliches Erinnerungsvermögen. Macht man sich bewusst, dass sie zum Zeitpunkt der Entstehung des Films bereits 104 Jahre alt war, umso bemerkenswerter. Oft erinnert sie sich an Details und Kleinigkeiten, etwa, welche Kleidung Goebbels zu bestimmten Anlässen trug oder wie es war, wenn einmal seine Kinder beim „Papa“ vorbeischauten. Hinzu kommt, dass sie teils entwaffnend offen ist und die Dinge ausspricht, wie ihr der Mund gewachsen ist. Pomsel hatte einst eine jüdische Freundin. An einer Stelle sagt sie über diese, dass sie einen ordentlichen „Judenzinken“ gehabt habe. Oder: „Sie war so jüdisch. Jüdischer kann man gar nicht sein.“

Ab und zu genehmigt sich Pomsel längere Pausen, in denen sie reflektiert und über die Frage der eigenen Schuld nachdenkt. Hätte man zum Beispiel offen gegen die Judenverfolgung aufbegehren sollen? Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sie selbst keine persönliche Verantwortung für irgendetwas trage. Äußerungen wie diese sind es, die vom Kinobesucher Selbstreflexion einfordern. Was hätte ich in der Situation getan? Hätte ich den Mut aufgebracht, Dinge anzusprechen und zu hinterfragen?

03.07.2017

4

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