Trois souvenirs de ma jeunesse Frankreich 2015 – 123min.

Filmkritik

Reise in die eigene Vergangenheit

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Die Geschichte davor (Prequel) ist für Regisseure ein reizvoller Ausflug in die eigene filmische Vergangenheit. Zwanzig Jahre nach Comment je me suis disputé... beschreibt Arnaud Desplechin nun, wie sich einst sein junger Held Paul verstrickte: Trois souvenirs de ma jeunesse - ein verzwickter Liebesfilm mit Spionagetouch.

Es ist eine beliebte Produktionsmasche geworden, die Geschichte davor zu erzählen, also vor dem Erfolgsfilm. Das kann eine ganze Serie hervorrufen wie bei der Star Wars-Saga. Inzwischen kennen wir auch die Vorgeschichten der X-Men, von Superman oder Batman. Vor zwanzig Jahren entwarf Arnaud Desplechin (56) das Drama um Paul in Comment je me suis disputé...(ma vie sexuelle). Nun nahm es den Regisseur wunder, wie es dazu kam, dass sich Protagonist Paul (aus Roubaix wie der Regisseur) verliebte, zerstritt, verschwand. Und Desplechin erklärt: «Ich habe mir gesagt, dass 'Trois souvenirs' einem Erstlingswerk gleicht. Mit dem Alter steigt der Wunsch danach, junge Menschen zu filmen.» Paul (Mathieu Amalric, Bond-Bösewicht in Quantum of Solace), der Anthropologe, kehrt heim nach Frankreich – nach Jahrzehnten in der UdSSR, in Tadschikistan. Und er erinnert sich an eben dieses frühere Leben. An seine Heimatstadt Roubaix, an die enge Verbundenheit mit seinem Bruder Ivan (Raphaël Cohen), an die Reise als Teenager in die UdSSR, wo er in geheimer Mission einem jungen Russen seine Identität «lieh». Der junge Paul Dédalus (Quentin Dolmaire) war verbandelt mit seiner Schwester Delphine (Lily Taieb), Cousin Bob (Théo Fernandez), mit Pénélope (Clémence le Gall) und seinem Freund Kovalki (Pierre Andrau), der ihn verriet. Und da war natürlich Esther (Lou Roy-Lecollinet), seine Liebe. Er zollt ihr Respekt, kann sie richtig einschätzen, aber sie ist dominant, stutzt ihn zurecht. Sie wird sein Bezugspunkt. Gleichwohl, Paul stützt sie, öffnet ihr die Augen. Man entzweit sich. Sie wird Schriftstellerin, er Anthropologe.

Die amourösen Verstrickungen, Beziehungen, Verirrungen fügen sich zu einem Teppich oder Mosaik. Nicht immer schlüssig, nicht immer leicht nachvollziehbar, aber fesselnd. Die ganze Geschichte zur Geschichte sprich zum Film Comment je me suis disputé... (1996) schlüsselt sich in drei Kapitel und einem Epilog auf. Vorkenntnisse sind nicht vonnöten. Die «drei Erinnerungen» erschliessen sich auch so. Die Reise in die Achtzigerjahre hat viele Facetten, viele Gesichter und bleibt im Fluss. Vielleicht bringt es Paul auf den Punkt: «Männer kommen, Frauen gehen.» Ein Film ausser der Spur, des Geläufigen und Spektakulären im Kino. Man könnte sich auch einen dritten (Alters-)Film vorstellen.

02.05.2016

4

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