Janis: Little Girl Blue USA 2015 – 103min.

Filmkritik

Überschäumende Gefühle

Andrea Lüthi
Filmkritik: Andrea Lüthi

Janis Joplin prägte nicht nur die Rock- und Blues-Musik der 60er- und 70er-Jahre, sondern beeinflusste und inspirierte auch viele Musikerinnen der Gegenwart. Nach dem ersten und einzigen Dokumentarfilm über Janis Joplin ("Janis – The Janis Joplin Story", 1974) ist nun ein weiterer Film über die Ikone der Hippie-Ära entstanden.

Musik ermögliche ihr, Gefühle zu erleben und Musik löse Gefühle aus, erklärt Janis Joplin aus dem Off. Und dann ist sie da. Mit voller Wucht, mit ganzer Leidenschaft, eine rote Federboa im Haar, interpretiert die Musikerin mit ihrer unverkennbaren, heiseren Stimme "Tell Mama". Damit greift der Film bereits in den ersten Minuten auf, was Janis Joplins Musik ausmacht: wie viel Gefühl sie hineinlegte - oder wie es die Schauspielerin und Musikerin Juliette Lewis im Abspann ausdrückt: "als würde sie sich auf der Bühne aufschlitzen".

Die amerikanische Regisseurin Amy Berg macht keine erzähltechnischen oder stilistischen Experimente, abgesehen von den eingeschobenen psychedelischen Animationen im Flower-Power-Stil. Der Dokumentarfilm, an dem Berg sieben Jahre gearbeitet hat, ist ein klassisches, sorgfältig aufgebautes Musikerporträt. Konzertmitschnitte, Fotos, Urkunden, Zeitungsartikel, Studioaufnahmen und Interviews sind kombiniert mit chronologisch angeordneten Berichten von Zeitzeugen: Geschwister, Musikerkollegen, Freundinnen und Manager erzählen von Janis' Kindheit in einer bürgerlichen Familie in Texas und ihre ersten Band-Erfahrungen in Blue-Grass-Bands in Austin, bis ihr am Monterey Pop Festival mit der Band "Big Brother and the Holding Company" der Durchbruch gelang. Der Dokumentarfilm folgt Janis Joplins Karriere mit anderen Bands, thematisiert ihre Reise nach Brasilien und ihre Versuche, von den Drogen loszukommen bis hin zu ihrem Tod mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin.

Das überbordende Temperament und ihre Ausgelassenheit stehen Janis Joplins sensibler, nachdenklicher Seite gegenüber. Amy Berg schafft dabei ein gutes Gleichgewicht zwischen Innen- und Aussensicht, privaten und öffentlichen Aussagen. Neben den Einschätzungen ihres Umfelds sieht man Janis Joplin in Interviews, aber das Intimste sind ihre eingestreuten Briefe an die Eltern, vorgetragen von der Musikerin Cat Powers. Besonders hier zeigt sich Janis Joplins Verletzlichkeit, und durch ihr ganzes Leben zieht sich das Bedürfnis, geliebt und akzeptiert zu werden: Wegen ihres Aussehens wurde sie in der Highschool gemobbt, worauf sie sich durch raues und lautes Auftreten Aufmerksamkeit verschaffte.

Amy Berg nähert sich Janis Joplin auf respektvolle, unaufdringliche Art. Es geht ihr nicht darum, die Musikerin zu verherrlichen, noch sie als Opfer zu zeigen. Janis – Little Girl Blue ist das temporeiche und vielschichtige Porträt einer Musikerin mit viel Talent und Feuer, die mit dem Übermass an Gefühlen oft nicht umzugehen wusste.

14.01.2016

4

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