CH.FILM

Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte Schweiz 2015 – 85min.

Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte

Filmkritik

Die Dämonen des Denkers

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Der intime, auch bisher weitgehend unbekannte Facetten im Berufs- und vor allem Privatleben ausleuchtende Film Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte ist ein ungemein sehenswertes, fiktiv-dokumentarisches Werk.

Friedrich Dürrenmatt war einer der großen Denker, Schriftsteller und Dramatiker des 20. Jahrhunderts. In den 50er- und 60er-Jahren erlangte er Weltruhm und finanzielle Unabhängigkeit durch Romane wie "Der Richter und sein Henker" (ab 1950) oder "Das Versprechen" (1958) sowie Theaterstücke wie "Der Besuch der alten Dame" (1956). Dürrenmatt bezog in Essays und Vorträgen zudem immer wieder auch Stellung zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Über sein Privatleben war lange Zeit wenig bekannt. 40 Jahre lang lebte der Schriftsteller mit seiner Frau Lotti Dürrenmatt-Geissler, deren plötzlicher Tod zu einer Zäsur für Dürrenmatt wurde. Auch dieser Aspekt steht nun im Zentrum der beachtenswerten, intimen Dokumentation.

Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte wurde von der Schweizer Regisseurin und Drehbuchautorin Sabine Gisiger inszeniert, die seit 25 Jahren als freischaffende Dokumentarfilmerin arbeitet. Ebenso lange liegt der Tod des großen Schriftstellers zurück, weshalb Gisiger in dem Jubiläum einen geeigneten Grund sah, sich Dürrenmatt in einer Kino-Doku auch auf privater Ebene ausführlich zu nähern. Die Regisseurin selbst spricht bei ihrem Werk von einer “fiktiven, dokumentarischen Autobiografie”.

Gisiger nahm sich unzählige Original-Aufnahmen (TV und Radio), private Videos und Interviews von Dürrenmatt vor und setzte diese "Schnipsel" zu einer neuen, fiktiven Erzählung zusammen. Das macht auch den anspruchsvollen, hohen künstlerisch-ästhetischen Wert dieses Films aus, der also nicht einfach nur eine Doku über Leben und Schaffen von Dürrenmatt darstellt. Aber dennoch sind es natürlich auch diese enorm spannenden, auf Zelluloid gebannten Einblicke in das Privat- und Berufsleben Dürrenmatts, die einen erheblichen Reiz des Films ausmachen. Diese zeigen ihn u.a. in seinem Atelier beim Zeichnen, wie er an der Schreibmaschine über einem neuen Werk brütet oder einfach nur mit seiner geliebten Frau Lotti gedankenverloren im Wohnzimmer sitzt.

Überhaupt stellt die Beziehung zu seiner 1983 ganz plötzlich verstorbenen Frau ein zentrales erzählerisch-inhaltliches Element dar. Über die Beziehung der Beiden und die Bedeutung von Lotti auch für seine Arbeit (kaum ein Werk, das Dürrenmatt nicht akribisch mit seiner Frau besprach und auf Qualität prüfte), war bis jetzt nicht allzu viel bekannt, das wird sich mit diesem Film ändern. Zum ersten Mal überhaupt äußern sich auch seine Schwester Verena (91) und seine Kinder Peter (66) und Ruth (64) öffentlich über den weltberühmten Bruder bzw. Vater und machen deutlich, dass auch erfolgreiche und berühmte Ehepaare bzw. Kunstschaffende nicht vor dem bösen, inneren Dämon namens Depression gefeit waren.

08.10.2015

5

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Kommentare

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Patrick

vor 3 Jahren

Die Fakten aus dem Leben von Dürrenmatt werden im Film angeriessen, am Ende weiss man nur ein paar Einzelstücke über dessen Leben. Der Film ist aber gut umgesetzt (kein nervöser Filmschnitt) und der Schluss Song von Züri West ist Top.


Celine_Door

vor 4 Jahren

wow! SO kann Schweizer Film auch sein: klug, subtil und unglaublich: mit Humor. Danke an die Macher, danke an Dürrenmatt. Wirklich ein inspirierendes Erlebnis. Wow!


thomasmarkus

vor 4 Jahren

Hätte gern die Tocher noch Klavierspielen sehen...


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