Star Russische Föderation 2014 – 128min.

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Filmkritik

Proletarischer Schönheits- und oligarchischer Gesundheitswahn

Filmkritik: Eduard Ulrich

Gegensätze ziehen sich an, Frauen ziehen sich aus. In der witzigen Geschichte aus dem politisch repressiven, ökonomisch aber permissiven Moskau vor den Sankationen der EU zieht die armenisch-russische Regisseuse Anna Melikjan alle Register, um uns zu amüsieren und zwei typische Obessionen zu hinterfragen, die im Westen ebenso ausgeprägt sind: Den Schönheitswahn, diktiert von den Models und Hollywood-Schauspielerinnen, und den Gesundheitswahn, hier eine Folge der ökonomisch induzierten Optimierungssucht. Ihre widerständig angelegten Hauptfiguren sorgen für die emotionale Reibungswärme.

Schon in ihrem grandiosen Vorgänger Rusalka - Mermaid sind die Hauptfiguren keine einfachen Typen. Die Männer schweigen meist und, wenn sie etwas sagen, dann sicher nicht etwas über ihre Gefühle. Dieses Muster passt auch auf den Oligarchen, der pünktlich seine Pillen schluckt, und seinen Sohn Kostia, der sein Herz in einer Mega-Disko an die Animierdame Maria verliert.

Maria träumt von einer Karriere als Schauspielerin. Sie weiß, dass sie dazu einen perfekten Körper benötigt. Sie kennt auch die Detailpreise für die Eingriffe der Schönheitschirurgie. Allerdings ist sie mausarm, was einen finanzkräftigen Partner erfordert. Der schnusige Kostia kann diese Rolle aber aus inneren und äußeren Gründen nicht übernehmen. Das Publikum wird so schon in eine emotionale Spannung versetzt, denn diese Maria ist scheinbar naiv und egozentrisch, so dass man sich bange fragt, ob sie Kostia nicht ins Unglück stürzt. Die andere Frauenhauptrolle ist auch nicht gerade sympathisch, Kostias Vaters Freundin Rita, Stiefmutter in spe.

Melikjan, die auch Ko-Autorin des Drehbuchs ist, riskiert etwas. Sie hat genug Material mit Querverbindungen und Stolpersteinen komponiert, sie hat ihr mehrschichtiges Drama mit komischen und hintersinnigen Ideen dekoriert, so dass es einfach gewesen wäre, eine Liebesgeschichte zu erzählen, ohne zu langweilen. Stattdessen exponiert sie ihre weiblichen Protagonisten, zeigt ihre negativen Seiten. Und Sie will mehr, zieht nebenbei den Kunstbetrieb Moskaus durch den Kakao und macht sich über das Gesundheitssystem lustig.

Dafür hat sie wirksame Bilder gefunden, die mit wenig Text auskommen. Das entschädigt für die manchmal gar heftig wackelnde Kamera. Schon in ihrem Vorgänger entpuppte sie sich als Meisterin der Gefühlswechselbäder, woran sie nahtlos anknüpft. Mit einem halb versöhnlichen, halb offenen Schluss krönt sie ihre Fabel und ermöglicht ihren überzeugenden DarstellerInnen einen würdevollen Abgang.

14.07.2015

4

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