X+Y Grossbritannien 2014 – 111min.

Filmkritik

Gibt es eine Formel für Liebe?

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Ein sensibles Drama nach einer wahren Geschichte – denn immerhin schreibt das Leben die besten Geschichten. Und als Zuschauer wird damit direkt hineingezogen, in dieses Coming of Age eines jungen Autisten.

In einer Welt, die nur schwer zu verstehen ist, hat Nathan Probleme damit, mit anderen Menschen eine Verbindung aufzubauen – und am wenigsten gelingt ihm das mit seiner ihn liebenden Mutter. Er findet Trost in Zahlen. Und er findet einen Lehrer, der unkonventionell und anarchisch ist und den jungen Mann unter seine Fittiche nimmt. Eine Freundschaft entsteht, die Nathan einen Platz im britischen Team bei der Internationalen Mathematik Olympiade sichert. Aus der englischen Vorstadt geht es nach Taipei – und wieder zurück. Doch das Leben ist nicht mehr, wie es mal war. Denn Nathan ist verliebt.

Vielleicht muss es so sein, aber ein Film, der sich mit Mustern und Mathematik befasst, sollte vielleicht auch eine gewisse Symmetrie besitzen. Die Struktur des Drehbuchs ist nicht unbedingt elegant, schon gar nicht überbordend, sondern in erster Linie effizient. Es ist der wichtigste Baustein für X+Y, der aber nur deswegen funktioniert, weil das Ensemble es so großartig zum Leben erweckt.

Die Geschichte basiert auf dem Leben von Daniel Lightwing, auch wenn der Film dies abtun will. Er folgt einigen der Stationen des jungen Mathe-Genies, findet aber natürlich auch genügend Spielraum, um abzuweichen. Auch das könnte man als berechnend ansehen, denn natürlich ist es schon so, dass man sich hier gespart hat, die Rechte an der Lebensgeschichte von Lightwing zu sichern.

Der Wirkung ist das jedoch nicht weiter abträglich. X+Y ist ein zutiefst bewegender Film, der schon im ersten Akt auf Gefühl setzt, aber niemals der Versuchung unterliegt, in albernem Kitsch zu versinken. Die Gefühle in diesem Film sind real, die Figuren fühlen sich real an, die Geschichte ist authentisch – eben dieser Unterbau ist es, der X+Y so brillant werden lässt.

Dass es dennoch nicht zu einer Höchstnote reicht, liegt nur daran, dass man Rafe Spalls Figur des Lehrers noch einen überflüssigen Subplot verpasst, der den Film immer wieder etwas aufhält. Aber das ist im Grunde nur ein kleiner Makel eines großen Films, der nicht nur Sympathie für seine Hauptfigur wecken kann, sondern dessen Wahrnehmung der Welt auch illustriert, indem die Kamera häufig zu hoch oder zu tief gesetzt ist. Man fühlt sich in diesen Momenten wie Nathan, als Teil der Welt – und dann auch wieder nicht. Das alles wird wunderbar von einigen Songs akzentuiert, wie sie trauriger nicht sein könnten.

15.05.2015

4

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Kommentare

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Berufsromantiker

vor 6 Jahren

Ein sehr bewegender Film mit intellektuellem und emotionalem Tiefgang, in den man sich hineinversetzen muss - nichts zum Berieseln...


willhart

vor 6 Jahren

Rundum berührend! Autistisch geprägtes, geniales Kind, dessen Reaktionen immer überraschend sind.
Kein Zurücklehnen. Diese feingezeichneten Versuche, Kontakt mir der Aussenwelt aufzunehmen. Sally Hawkins etwas zu 'hilflos'? Wunderbare Parallele von zwei Behinderungen: Der geniale Mathelehrer, der sich aufgrund seiner schweren körperlichen Erkrankung....
und dem Kind, das nie was anderes gekannt hat, und immer wieder stolpert bei seinen Versuchen. Einziges ABER: gibt es ein quasi Happy End?Mehr anzeigen


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