Höhere Gewalt Frankreich, Norwegen, Schweden 2014 – 120min.

Höhere Gewalt

Filmkritik

Familienglück auf dem Prüfstand

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Wie schnell die scheinbar heile Welt einer schwedischen Mittelklasse-Familie aus dem Gleichgewicht geraten kann, zeigt Ruben Östlund in seinem präzise komponierten und aufwühlenden Drama Turist, das auch große philosophische Fragen nicht scheut.

Eigentlich stehen alle Zeichen auf Erholung. Tomas (Johannes Bah Kuhnke) und Ebba (Lisa Loven Kongsli) reisen mit ihren Kindern in einen schmucken französischen Skiort und wollen die gemeinsame Zeit, so gut es geht, genießen. Als die Familie jedoch am zweiten Tag von einer Restaurantterrasse aus den kontrollierten Abgang einer Lawine beobachtet, nimmt das Unheil seinen Lauf. Da die Schneemassen geradewegs auf die Besucherplattform zurollen, schlägt das anfängliche Staunen rasch in Panik um. Während sich Ebba schützend vor die Kinder wirft, schnappt Tomas sein Smartphone und ergreift instinktiv die Flucht. Auch wenn der Vorfall glimpflich ausgeht, ist die junge Frau schwer erschüttert über das rücksichtslose Verhalten ihres Mannes.

Eröffnet wird der Film mit einigen Familienschnappschüssen vor einer beeindruckenden Bergkulisse. Auf den ersten Blick scheint alles perfekt. Erst bei genauerem Hinsehen offenbaren sich in der seltsam verkrampften Haltung der Eltern kleinere Irritationen. Tomas, so erfahren wir kurz darauf, arbeitet zu viel, will im Urlaub endlich einmal für seine Liebsten da sein, kann sein Mobiltelefon dummerweise aber auch hier nicht aus der Hand legen. Ebba, eine eher klassische Mutterfigur, ist darüber nicht allzu glücklich, sehnt sie sich doch nach einem echten Gemeinschaftsgefühl.

Vor diesem Hintergrund bringt das Lawinenerlebnis die unter der Oberfläche liegenden Spannungen schließlich zum Überkochen und führt zu einer quälenden Auseinandersetzung um enttäuschte Erwartungen und traditionelle Rollenmuster. Darf ein Mann seine Familie im Angesicht einer vermeintlichen Katastrophe einfach im Stich lassen? Oder sind unsere Urängste am Ende immer stärker als gesellschaftliche Zuschreibungen? Existenzielle Fragen, die provozieren sollen, gleichzeitig aber auch ausreichend Raum für präzise beobachtete Momente lassen, in denen sich das Ehepaar zunehmend entblößt.

Lobenswert ist nicht nur, dass Östlund keine Perspektive klar privilegiert, sondern auch, wie er seiner formal recht streng aufgebauten Parabel – lange und statische Einstellungen dominieren – stets eine zutiefst berührende Note verleiht. Was zu einer kalten Versuchsanordnung hätte verkommen können, entpuppt sich als gelungene Mischung aus dramatischen und ironischen Elementen samt eigenwillig-hoffnungsvollen Schlussbildern.

15.12.2014

4

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Kommentare

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Barbarum

vor einem Jahr

Halb Komödie, halb Psychodrama, die Mischung mag gewöhnungsbedürftig sein, aber Östlunds Film regt genauso zum Nachdenken wie zum Lachen an. Übrigens beim Schauen fühlte ich mich stark an eine Folge von "King of Queens" erinnert, genauer an die Episode "Oxy Moron" der vierten Staffel, die sich um eine vergleichbare Grundkonstellation entfaltet, allerdings natürlich auf Sitcom-Niveau.Mehr anzeigen


blackeagle66

vor 4 Jahren

Sehr guter Film mit einem äusserst interessanten Thema. Jeder kann sich die Frage stellen, wie er sich in Situationen verhalten würde, wo Zivilcourage einerseits oder instinktives Handeln andererseits gefragt sind - wie wir erfahren zwei total verschiedene Dinge. Intensiv und ehrlich werden diese Fragen angegangen. Einzig der grosse Heulanfall hat mich ein bisschen gestört und dem intensiven Handlungsstrang eine leicht irritierende, skandinavisch-schräge Note gegeben.Mehr anzeigen


mgrab

vor 4 Jahren

laangweilig


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