CH.FILM

Rider Jack Schweiz 2015 – 90min.

Filmkritik

Reise der Erinnerungen

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Der eine will vergessen, der andere wird vergessen. Der alte Paul kehrt heim in die Schweiz, er leidet an Alzheimer. Sein Sohn Jack, der ihn seit Kindheitstagen hasst, muss sich um ihn kümmern. Wolfram Berger als Paul und Roland Wiesnekker als Rider Jack tragen das schrullige Vater-Sohn-Drama – mit Humor und Spitzbübigkeit.

Auch mit 40 oder 50 hat man noch Träume. Paul, der geborene Loser, möchte endlich ein neues Lebenskapitel aufschlagen – auf Mallorca. Eine Beiz schwebt ihm vor, am liebsten zusammen mit Milena (Rebecca Indermaur), seinem Gspänli. Nur fehlt ihm die Kohle – wie immer. Da taucht überraschend sein Vater Paul (Wolfram Berger) auf, seit Jahrzehnten quasi von der Familienbildfläche verschwunden. Natürlich auch Pleite und auf Hilfe in der Schweiz angewiesen. Die bleibt logischerweise an Sohn Paul hängen, der ihn seit Kindheitstagen hasst und in ihm den Verursacher seines verpfuschten Lebens sieht.

Damals gab es einen Unfall, der bei Jack, der eigentlich Jakob heisst, schwere körperliche und seelische Spuren hinterlassen hat. Und ausgerechnet er soll diesem Vater, der an Alzheimer leidet, auf die Sprünge helfen. Freundin Milena ermuntert ihn, dem Heimkehrer Beistand zu leisten. Jack grummelt, grantelt, muffelt, nörgelt – eine Rolle, die Roeland Wiesnekker auf den fülligen Leib geschrieben ist. Aber er wittert Morgenluft, sprich Kapital, als er erfährt, dass sein Vater ein Haus irgendwo im Centovalli besitzt. Das könnte doch die materielle Basis für sein Mallorca-Projekt sein, denkt Paul, der Schlauberger.

Und so begeben sich "Rider Jack" und "Puncho Paul" – so nannten sich die beiden dazumal bei Cowboyspielen – auf eine harzige Reise ins Tessin. Das Vergangene, das sich nicht vergessen lässt, die Wunden, die nie richtige verheilt sind bei Jack, und die Gegenwart fordern beide. Aber die Suche führt sie zusammen und bietet die Chance zum Vergeben (ohne Vergessen), zur Versöhnung. Die Alzheimer-Krankheit ist sicher ein wichtiges Thema in This Lüschers Film, aber nicht das einzige. Es sind die Entfremdung, Verletzungen und Verzweiflung, die verpassten Chancen zwischen Vater und Sohn, welche Lüscher verfolgt und dank einem profunden Ensemble auf die Leinwand bringt.

Eine Schweizer Spielart von Honig im Kopf darf man nicht erwarten, wohl aber einen ernsthaften, auch humorigen Clinch und Trip mit zwei Sturköpfen. Die Alzheimer-Erkrankung verschärft und mildert gleichzeitig den Generationskonflikt. Vergessen ist leichter gesagt als getan und erhält eine ganz besondere Note, wenn man gegen Vergessen ankämpft. Lüschers Roadmovie wirkt etwas herb und grantig, hat aber auch seine romantischen und drolligen Seiten. Geschönt wird freilich nichts.

14.07.2015

4

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Kommentare

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hairspray

vor 6 Jahren

Berührend und typisch Vater und Sohn


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