CH.FILM

Padrone e Sotto Italien, Schweiz 2014 – 73min.

Padrone e Sotto

Filmkritik

Spaß und Ernst beim Kartenspiel

Filmkritik: Eduard Ulrich

Ein Karten- und Trinkspiel als Miniaturform des dörflichen Lebens? Michele Cirigliano kennt das süditalienische Heimatdorf seiner Eltern und beobachtet die meist älteren Männer beim Spiel in der Kneipe, besucht sie zu Hause oder gibt Ihnen die Chance, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Schon als Kind hatte ihn die Frage umgegetrieben, wo die Grenze zum ernsten Groll überschritten wird, wenn die Spieler lautstark diskutieren. Nun zeichnet er die Linien der Macht und Abhängigkeit mit zarten Strichen, lässt dabei aber ein wenig viel Interpretationsspielraum.

Der Titel von Michele Ciriglianos erstem Dokumentarfilm bezeichnet ein Karten- und Trinkspiel, bedeutet aber wörtlich eine Klassenrelation: Herr und Knecht, einer befiehlt, einer gehorcht. Dieser Doppelsinn ist unterschwellig oder offenbar in vielen Szenen präsent. Cirigliano kennt das süditalienische Heimatdorf seiner Eltern Tricarico gut und erinnert sich in der ersten Szene daran, wie er selbst als Bub irritiert das emotional aufgeheizte Agieren der meist älteren Männer beim Kartenspiel in der Kneipe beobachtete.

Dieses Bild ging ihm nicht aus dem Kopf, und nun kann er endlich erforschen, was noch Spiel und was schon Ernst bei diesen lautstarken Auseinandersetzungen ist. Wir sehen also viele solcher Szenen, besuchen aber auch einen Schafhirten zu Hause und hören die Lebensgeschichten von anderen Mitspielern. Höhepunkt ist eine Wildschweinjagd mit verteilten Rollen und wechselhaften Jagdglück.

Michele Cirigliano ist in Zürich aufgewachsen und hat auch hier studiert, zuletzt an der Hochschule der Künste Realisation von Dokumentarfilmen. Die ZHdK hat sich denn auch zusammen mit dem Schweizer Fernsehen an der Produktion beteiligt. Mit dieser professionellen Hilfe ist ein handwerklich solider Film entstanden, und dass Cirigliano auch das Drehbuch selber verfassen konnte, hat sicher dazu beigetragen, dem Film eine sehr persönliche Note zu verleihen.

Diese Quasi-Innensicht hat aber auch ihre Tücken: Wenig Distanz, kaum Kritik und keine Fragen. Der Einblick in das individuelle Schicksal mag berühren, er kann aber auch ein wenig befremden, weil der Bezug zum modernen westeuropäischen Leben fehlt und auch nicht der Versuch unternommen wird, dieses Leben aus einer vermeintlich vergangenen Zeit in den Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung zu stellen. Wer hier auf seine Rechnung kommen will, muss schon eine gehörige Portion Geduld und spezifisches Interesse an diesem dörflichen Kosmus mit seinen kauzigen "Knechten" mitbringen.

13.02.2015

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