Mr. Turner - Meister des Lichts Grossbritannien 2014 – 149min.

Filmkritik

Grunzen und nuscheln

Patrick Heidmann
Filmkritik: Patrick Heidmann

Mit Biopics ist das so eine Sache. In der Theorie klingt es vielversprechend, das aufregende Leben eines Prominenten zu verfilmen, für den sich im Idealfall schon eine ganze Menge potentieller Kinogänger interessieren. In der Praxis aber sind solche filmischen Biografien oft das Rezept für enttäuschte Erwartungen. Und je herausragender die (künstlerische) Lebensleistung des Porträtierten ist, desto größer die Fallhöhe. Denn nichts ist auf der Leinwand bekanntlich schwieriger darzustellen als Genie.

Mike Leighs Mr. Turner ist nun eines der seltenen Biopics, das alles richtig macht. Und zu einem ganz kleinen Teil hat das Gelingen des Films damit zu tun, dass in seinem Zentrum kein Weltstar des 20. Jahrhunderts steht, von dem das Publikum jede Pose und jedes Foto zu kennen glaubt, sondern der britische Maler J.M. W. Turner, der im 19. Jahrhundert zu den führenden Vertretern der Romantik wurde.

Zweieinhalb Stunden lang gibt der britische Regisseur Einblicke in das Leben seines Protagonisten, seine Arbeit, seinen Ruhm, den Kampf gegen Widerstände und nicht zuletzt sein Verhältnis zu diversen Frauen (Ex-Ehefrau, Geliebte, Haushälterin). Ein echter Plot oder eine konstruierte Dramaturgie interessieren ihn dabei nicht, und auch auf psychologisierende Erklärungen wird in Mr. Turner verzichtet. Doch trotzdem – oder eher: gerade deswegen – gelingt es Leigh auf bemerkenswerte Weise, ein enorm dichtes Bild von Turners Leben und Persönlichkeit zu zeichnen, in dem von seinem Mutter-Trauma über den Selbsthass bis hin zur künstlerischen Obsession alle Facetten greifbar werden.

Herausragendes leistet dabei auch Hauptdarsteller Timothy Spall, der nicht nur bei Leigh sonst meist die zweite Geige spielte und für Mr. Turner in Cannes den Darstellerpreis erhielt. Wie er sich durch das – wie immer bei Leigh aus der Improvisation geborene – Drehbuch nuschelt und grunzt und dabei stets die animalische Seite dieses bisweilen groben Mannes ebenso vermittelt wie die Verletzlichkeit seiner einsamen Künstlerseele, ist eine schauspielerische Meisterleistung, die in Sachen Wucht in diesem Jahr ihresgleichen sucht.

Selbst die Darstellung von Turners Ausnahmetalent als Maler sichtbar zu machen gelingt Leigh und Spall übrigens nachdrücklich. Nicht nur, weil die Bilder für sich sprechen und die authentischen Szenen ihrer Entstehung (Spucke inklusive!) sowie die Gespräche darüber auf kluge Weise die Waage halten. Sondern auch, weil Leigh und Kameramann Dick Pope durch geniale Bildgestaltung und Lichtsetzung den gesamten Film so aussehen lassen, als hätte Turner persönlich ihn auf die Leinwand gepinselt.

05.11.2014

4

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

Barbarum

vor 5 Jahren

Atmospärisch dichtes Biopic über einen der Vorväter moderner Malerei mit einem überragenden Spall in der Hauptrolle und passend exquisiter Kameraarbeit.


willhart

vor 7 Jahren

Hervorragendes 'Biopic' - etwas zu lang für meinen Geschmack. Timothy
Spall ist in diesem Film einzigartig.


HermannDrei

vor 7 Jahren

Grandioser Film, lässt einem in Bildern schwelgen. Muss ihn nochmals sehen. Spall (alle Schauspieler) brillant. Herrliche auskostbare Szenen.


Mehr Filmkritiken

Ticket ins Paradies

Avatar - Aufbruch nach Pandora