L'Enlèvement de Michel Houellebecq Frankreich 2014 – 92min.

Filmkritik

Ein skandalumwitterter Kultautor nimmt eine Auszeit

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Guillaume Nicloux erzählt in seiner (Pseudo-)Mockumentary, was geschah, als Kultautor Michel Houellebecq im Herbst 2011 vorübergehend verschwunden war.

Im September 2011 – er hätte mit seinem Roman „La carte et le territoire“ („Karte und Gebiet“) in Belgien und der Niederlande auf Lesereise gehen sollen – war Michel Houellebecq plötzlich verschwunden. Im Internet und den Medien tauchten damals nach kurzer Zeit schon wilde Spekulationen um eine mögliche Entführung des französischen Kultautors auf.

Auf dieser kurzen Episode baut L'enlèvement de Michel Houellebecq auf, Regisseur Guillaume Nicloux bezeichnet seinen 2014 entstandenen Film als „halbdokumentarisch“. Tatsächlich spielt Michel Houellebecq darin selber den Titelhelden: einen französischen Schriftsteller, der öfters in Skandale verwickelt sich gern als Nihilist und Menschenfeind gibt, Kette raucht und zurückgezogen in der Pariser Vorstadt haust. Sein Leben verläuft eintönig. Er wohnt allein, macht oft lange Spaziergänge, mit den wenigen Bekannten, die er trifft, unterhält er sich über die Renovation seiner Wohnung, Musik und seine Vorliebe für Beerdigungen. Irgendwann einmal bezeichnet er die „ichbezogene Langeweile“ als Inspiration seines Schreibens.

Am Tag bevor er zu einer Lesereise aufbrechen soll, wird Houellebecq bei sich zuhause von drei grobschlächtigen Männern überrumpelt. Sie stecken ihn in eine Kiste und fahren mit ihn ins Haus der Eltern eines der Entführer auf dem Land. Abgesehen davon, dass sie ihn gefesselt halten, scheinen die Entführer keinen Plan zu haben. Sie wissen nicht einmal, bei wem sie ein allfälliges Lösegeld einfordern wollen. Houellebecq nimmt die Situation gelassen. Er verlangt ab und zu nach einer Zigarette, einem Glas Wein, etwas zu essen. Die Situation zieht sich hin. Man kommt sich näher. Man redet über Literatur, Lovecraft, Kampfsport, Hunde, verdorbenes Essen; zum Geburtstag gibt es für Houellebecq Kuchen und eine junge Prostituierte, nach einigen Tagen ist der Spuk vorbei.

Das alles ist ziemlich absurd, manchmal gar eine Spur schwarzhumorig-makaber, in der Summe ist es köstlich unterhaltsam. Der gemeinhin eher als scheu geltende Houellebecq entpuppt sich in seinem ersten grossen Kinoauftritt als grossartiger Komödiant, die anderen Darsteller – Nicloux hat ausnahmslos Laien engagiert – wirken vor allem authentisch. Unter dem Strich entpuppt sich Nicloux‘ (Pseudo-)Mockumentary als clevere Abhandlung über das Verhältnis von Schein und Sein, beziehungsweise als Persiflage auf Houellebecqs selbstreferentielles, schriftstellerisches Werk und die öffentliche Wahrnehmung des Schriftstellers als die von ihm entworfene Kunstfigur.

17.06.2020

4

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