Child 44 Tschechische Republik, Rumänien, Grossbritannien, USA 2015 – 137min.

Filmkritik

Im Paradies gibt es keine Morde

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Die Grundidee von Tom Rob Smiths Roman wurzelt in der Realität. Es ist die Geschichte des Kindermörders Andrei Chikatilo, die zu Beginn der 1990er als Citizen X verfilmt worden ist. In Child 44 wird eine fiktive Geschichte erzählt, die bisweilen jedoch nur wie ein Katalysator erscheint. Weit mehr ist der Film daran interessiert, ein Porträt des Lebens im stalinistischen Regime zu zeichnen.

Einst war Leo Demidov (Tom Hardy) ein Held, der Rotarmist, der die Sowjetflagge über dem Reichstag hisste. Nun arbeitet er für den Geheimdienst, aber als er den Mord an einem Jungen nicht einfach zu den Akten legen will, sondern weiterermittelt, fällt er in Ungnade. Denn in Stalins Arbeiterparadies kann und darf es so etwas Verkommenes wie einen Serienkiller nicht geben. Darum wird Demidov in die Provinz versetzt, doch dort stößt er auf die nächste Kinderleiche: Denn der Killer hinterlässt auf seinen Reisen eine Spur des Todes!

Child 44 zerfällt in zwei Teile, die nicht gar so gut miteinander harmonieren. Immer dann, wenn es um Demidovs Suche nach dem Kindermörder geht, gerät der Film ins Stocken. Einerseits, weil die Spannungselemente hier sehr erzwungen wirken, andererseits, weil die Auflösung ausgesprochen lapidar daherkommt. Es wirkt fast so, als interessiere sich der Film am Ende selbst nicht mehr für seine Geschichte.

Weit packender ist hingegen die Darstellung des Lebens in einer Gesellschaft, in der jeder jeden bespitzelt, in der niemand frei ist und man ständig Sorge tragen muss, man könnte den Staatsorganen auffallen, was letzten Endes nur auf eine Art ausgehen kann: Man verschwindet. Child 44 kreiert hier das bedrückende Porträt eines Landes, in dem man immer vorsichtig sein muss. Das kleidet Regisseur Daniel Espinosa in bedrückende Bilder. Es ist ein tristes Leben, das durch den gelungenen Einsatz von unterdrücktem Farbspiel und desolater Ausstattung noch stärker hervorgehoben wird.

Gerade diese Momente stellen die eigentliche Stärke von Child 44 dar. Die Mörderhatz hingegen ist beinahe uninteressant, zumal der Film auch schnell das Who-done-it-Motiv aufgibt, weswegen man sich fragen muss, wieso man anfangs noch einen Hehl um die Identität des Mörders macht, dann aber plötzlich beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Eine Konzentration auf das eine oder das andere wäre deutlich intensiver geworden, so jedoch bleibt ein durchwachsener Film, der in Ansätzen wirklich funktioniert, der aber auch nicht das Interesse weckt, den weiteren Lebensweg von Leo Demidov zu verfolgen. Literarisch gab es zwei Fortsetzungen, filmisch dürften die aber auf der Strecke bleiben.

16.06.2015

3

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Kommentare

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Janissli

vor einem Jahr

Ich fand den Film hammer! In eindrücklicher Umgebung/Szenerie gespielter Psycho-Thriller mit menschlichen Intrigen und einem starken Mann/Schauspieler als mutiger Aufklärer.


seeyouto

vor 4 Jahren

Ein langweiliger Krimi in dieser unsympatischen Epoche


buono

vor 4 Jahren

Stimmungsvoller Film, der die Zustände in Stalins Russand zeigen. Düster, kompromisslose Gewalt, realitätsnah


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