A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence Frankreich, Deutschland, Norwegen, Schweden 2014 – 101min.

A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence

Filmkritik

Glanz und Elend der menschlichen Existenz

Filmkritik: Eduard Ulrich

Roy Andersson krönt seine Trilogie über Dasein und Natur des Menschen mit einem großartigen Werk, welches trotz der vielen, scheinbar unabhängigen Szenen eine latente Spannung aufbaut, die einen bis zum Schluss fesselt. Er bleibt seinem in den beiden Vorgängern erprobten Stil treu und reduziert diese im besten und ursprünglichen Sinne sowohl eigenartigen als auch komischen Szenen auf das Wesentliche. Das Resultat sind eine eindrückliche Klarheit und ein ebensolches Erlebnis. In Venedig gab's dafür zurecht den Goldenen Löwen für den besten Film.

Wer Songs from the Second Floor und You, the Living mag, wird auch am Schlusspunkt der Reflexionen über den Menschen seine Freude haben. Reflexionen und Assoziationen ist gemeinsam, dass sie selten stringent verlaufen. Logischerweise sind die rund 40 Szenen selten miteinander verbunden, manchmal aber aufeinander bezogen. Die beiden Handelsreisenden in Sachen Scherzartikel treten allerdings intermediär immer wieder auf und erlauben es, die Entwicklung ihrer problematischen Geschäfts- und Privatbeziehung zu verfolgen.

Darum geht es Andersson, dem Gefühlspräparator, aber nicht wirklich: Jede Szene befasst sich mit einer Gefühlsregung. Dabei verzichtet er auf spektakuläre Wendungen, selbst der Tod kann ein alltägliches Ereignis sein, welches die nicht direkt Betroffenen normalerweise tatsächlich nicht aus der Ruhe bringt. Dieses Nebeneinander von Erhabenem und Banalem, Singulärem und Ubiquitärem spannt das Publikum aufs Prokrustesbett: Soll es lachen oder weinen, schmunzeln oder sich ärgern, mitleiden oder spotten? Es kommt, wie meist, auf den Standpunkt an, also auf die Figur, mit der man sich besser identifizieren kann. Diese Ambivalenz hält uns bei der Stange, auf die Katharsis warten wir vergeblich.

Andersson, der Erfinder des filmischen Stillebens, hält an seiner statischen Kamera stoisch fest und schaut weiter hin, wo und wenn andere schon längst wegschauen würden, weil es ihnen peinlich ist oder langweilig wird. Die wahren Einsichten gewinnt das Publikum allerdings gerade dann, wenn es sich unwohl fühlt. Dabei geht es nie um unmittelbar, sofort und offensichtlich Schreckliches. Die Beklemmung schleicht sich durch die Hintertür des Unbewussten ein, genauso wie die Erkenntnis. Dieser Reigen kurioser, skurriler, bizarrer, grotesker und manchmal absurder Szenen bietet für jeden etwas und setzt sich in unseren Gehirnen fest. Auch wenn sich die Kamera keinen Millimeter bewegt, so werden doch die meisten den Saal bewegt verlassen.

15.01.2015

4

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Kommentare

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Janissli

vor 2 Monaten

Total schräg, hält einem aber irgendwie im Bann. Einen durchgehenden Handlungsstrang konnte ich nicht erkennen, was einem irgendwie auf die Folter spannt --> wann kommt der Gesamtzusammenhang? Es gibt keinen wirklichen, die einzelnen Szenen regen auch für sich zum Denken an. Super Film um anschliessend darüber zu philosophieren.Mehr anzeigen


soda4yoda

vor 3 Jahren

@Holler Grijuiwmensen
Schon mal in der Schönberg Oper "Moses und Aron" gesessen. Wer dort den Drang verspürt rauszulaufen ist per definitionem ein Kunstbanause und genauso ist es in diesem Film.
(Meine Meinung;)


pradatsch

vor 3 Jahren

So etwas! Media vita in morte sumus – verfilmt. Optisch eine Art Feuerwerk aus den Fünfzigern, streng konstruierte Räume, die Episoden sollten einen nicht kalt lassen. Schön zu sehen, dass es uns gut geht…


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