The Wind Rises Japan 2013 – 126min.

The Wind Rises

Filmkritik

Dem Wind bei der Arbeit zusehen

Filmkritik: Andrea Wildt

Hayao Miyazakis unwiderstehlich schönes Filmepos zeichnet ein ambivalentes Portrait von Japans Jugend zwischen zwei Weltkriegen. Meisterhaft nutzt er den Zauber des Fliegens, um über unvorstellbare Gräuel zu sprechen. Ein Film zum Staunen.

Hayao Miyazaki hat ein neues Meisterwerk geschaffen. Sein neuer Zeichentrickfilm erzählt die komplexe Geschichte eines Jungens, der auszog, um seine Träume vom Fliegen zu verwirklichen. Da Jiro aufgrund seiner schlechten Sehkraft nicht Pilot werden kann, macht er die Konstruktion von Flugzeugen zu seiner Berufung. Auf dem Weg zur Akademie in Tokio wird er von einem Erdbeben überrascht und trifft unter ungewöhnlichen Umständen auf seine spätere Ehefrau Nahoko.

Mit 73 Jahren sein angeblich letztes Werk huldigt Hayao Miyazaki noch einmal seiner grossen Leidenschaft und Inspiration: dem Fliegen. Fast jeder seiner Filme überraschte mit einer poetischen Interpretation des schwerelosen Gleitens in der Luft: auf dem Bauch des schweigsamen Totoro, dem Besen der quirligen Hexe Kiki, einem fliegenden Schloss. Die fantastische Geschichte von The Wind Rises ist jedoch diesmal mit harter Realität unterfüttert, denn Jiro durchlebt im Laufe der gut zwei Stunden die historischen Katastrophen seines Landes: 1923 das Kanto-Erdbeben in Tokio, die Weltwirtschaftskrise, Tuberkulose-Epidemie, den Zweiten Weltkrieg. Am Ende konstruiert er das erste japanische Trägerflugzeug, das so genannte Zero, welches unzähligen Kamikaze-Piloten zum fliegenden Grab werden wird.

Diese wirren Zeiten zeigt Miyazaki in seinem bekannten, malerisch schönen Zeichenstil. In harmonischem Strich und strahlenden Farben schlagen sich die beiden Protagonisten Jiro und Nahoko durch die Wirren ihres jungen Lebens, das rein optisch Harmonie und Eintracht pur ausstrahlt. Doch die Fassade trügt. Zwischen die schwärmerischen Träumereien und das Verliebtsein drängt sich immer wieder die Realität. Dann wechseln die heiteren Farben ins grell Dunkle und die Erde beginnt dämonisch zu stöhnen. Soeben noch Traum und Freiheit werden Flugzeuge jäh zu Todesengeln.

The Wind Rises erzählt aber auch die Geschichte seines Machers: Miyazakis Mutter erkrankte an Tuberkulose. Sein Vater arbeitete in einer Flugzeugfabrik. Luftfahrzeuge waren bereits als Kind die grosse Liebe des Manga-Zeichners und Co-Gründers des Ghibli Studio. Ihr Element, die Luft, dient ihm nun in seinem letzten Film als lebensbestimmende Materie. Alles im Film scheint dem Wind ergeben. Stürmisch wirbelt er Hüte und Haare umher, treibt Wolken zusammen, haucht Zigaretten, Träume, Leben aus.

Irgendwo da, zwischen dem Rauch einer Zigarette und der technischen Zeichnung eines Flugzeugdetails geschieht das Wunder eines Miyazaki-Films: Das Sichtbare weicht dem Unaussprechlichen. Flüchtig wie die zwei Zeilen des Gedichts von Paul Valéry "Le vent se lève, il faut tenter de vivre" öffnet es für einen Moment den Blick in den Abgrund eines Menschendaseins, um ebenso geschwind wieder davonzuwehen. Und der Wind legt sich wieder.

16.09.2014

5

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Kommentare

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holiday88

vor 3 Jahren

Ein schöner Film, teilweise aber tatsächlich etwas langatmig.


güx

vor 4 Jahren

Der Film hätte Potential für ein Meisterwerk.
Leider ist der Erzählfluss extrem langatmig, und meiner Meinung nach wurden einfach zu viele Themen reingepackt (Krieg, Erfindergeist, Freundschaft, Karriere, Liebe, Krankheit...).
Die Liebesgeschichte - eigentlich wie so oft das Zentale hier - liess mich absolut kalt.
Gefallen haben mir die Farben und v. a. die mit sehr viel Detailverliebtheit gezeichneten Landschafts- und Himmelssequenzen.
Ansonsten hat "The wind rises" meine zugegeben hohen Erwartungen nicht erfüllt. Schade.Mehr anzeigen


The Film Lover

vor 4 Jahren

Ein Super Genialer Film wie man es sich von den Ghibli Studios gewohnt ist
ATEMBERAUBEND!!!


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