Side Effects USA 2013 – 106min.

Filmkritik

Zu Risiken und Nebenwirkungen ...

David Siems
Filmkritik: David Siems

... fragen Sie nicht ihren Arzt oder Apotheker, sondern Steven Soderbergh. Der gefeierte Regisseur des rechtschaffenden US-Indie-Kinos erzählt in seiner neuesten Arbeit von Amerikas Sucht nach Aufputschmitteln. Trotz hochkarätiger Besetzung gelingt ihm dabei nur ein stellenweise packender Thriller, der an vielen Stellen schlichtweg zu verkopft wirkt.

Ablixa, Zoloft, Delatrex: Steven Soderbergh widmet sich in seinem "letzten Kinofilm" (laut Selbstaussage) der Vielzahl beliebter Anti-Depressiva, die in den USA, wenn man seinem Film glauben mag, so zwanglos und unbedenklich eingeworfen werden wie hierzulande Kaugummis oder Schokolade. Genauer gesagt: Er kümmert sich um die Nebenwirkungen. Die nehmen nämlich bei Emily (traumwandlerisch gut: Rooney Mara) solch fatale Züge an, dass sie kaum noch Albtraum und Wirklichkeit unterscheiden kann, weswegen sie prompt die Gesetzeshüter an den Fersen hat.

Eigentlich ist doch alles (wieder) gut: Ihr Mann Martin (Channing Tatum) ist aus dem Gefängnis zurück und das Ehepaar drückt noch mal auf den Restart-Button. Vorher hatte sich der Investment-Banker unlauterer Mittel bedient und musste für eine kurze Zeit im Knast seine Buße tun. Die beiden sind immer noch wohlhabend und bereit für den Neustart, doch Emily fühlt sich vermehrt träge und schlaff. Ihr Arzt (Jude Law) verschreibt der jungen Frau ein neues Medikament, das auffällig stark in der Öffentlichkeit beworben wird. Die Verbindungen zu Vertretern der Pharmaindustrie werden immer durchsichtiger - und rücken spätestens dann in ein schummriges Licht, als das Medikament seine fatalen Nebenwirkungen offenbart.

Soderbergh versucht den ganz großen Wurf: Sein Film soll verschachtelter Thriller mit Falltüren sein, gleichzeitig Manifest gegen die amerikanische Pharma-Industrie und hochkarätig besetzter Ensemble-Film mit Jude Law, Catherine Zeta-Jones und Channing Tatum in weiteren Rollen. Der Regisseur scheitert aber im großen Stil und endlosen Kameraeinstellungen, fragwürdigen Twists - und letztlich an der Komplexität des Sujets. Um es mit Jude Law in seiner Rolle als Psychotherapeut zu sagen: "When you go to a psychiatrist in England, people think that you're sick. In the USA they think you're getting better." Möge Soderberghs Rückzug aus dem Regisseur-Geschäft trotzdem nur die Folge unvorhergesehener Nebenwirkungen sein.

06.05.2013

3

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Kommentare

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dulik

vor 2 Jahren

"Side Effects" ist ein sehr spannender und grandios gespielter Thriller. Rooney Mara verkörpert die an einer Depression erkrankten "Emily" sehr glaubwürdig. Man weiss nie so richtig, wohin sich die Handlung entwickeln könnte und so bleibt diese auch bis zur letzten Minute interessant und packend. Ein kleines Manko ist, dass die Spannung ein wenig vom Twist am Ende abhängig ist und daher ist dies eher kein Film, den man sich ein zweites Mal anschauen würde.
8.5/10Mehr anzeigen


8martin

vor 5 Jahren

Anfangs sieht alles nach einem Mord am Ehemann aus einer tiefen Depression heraus aus. Emily (Rooney Mara) ersticht ihren Mann Martin (Channing Tatum). Der sie behandelnde Arzt Dr. Banks (Jude Law) verschreibt ihr Happy Pills. Law spielt den Wandel vom geldgierigen Mediziner zum Kämpfer um seine Ehre recht überzeugend. Die Pharmaindustrie kommt ins Spiel, erprobt an den Patienten kostenlose Medikamente. Fachkundige Dialoge erörtern die Schuldfrage bei Versagen des Mittels. Es geht um Parasomnie und um emotionale Übertragung. Emily nimmt Ablixa, ein neues Mittel gegen Depressionen. Eine erste Drehung an der Spannungsschraube ist der Kampf von Dr. Banks um Ruf und Familie, weil ihm erste Zweifel an Emilys Erklärungen kommen. Seine Ehefrau Deirdre (Vinessa Shaw) macht sein Privatleben glaubwürdig. Es sieht alles nach einem großen Täuschungsmanöver aus. Da kommt die erste faustdicke Überraschung: Emilys frühere Psychiaterin Dr. Siebert (Catherine Zeta-Jones) weiß mehr als sie sagt. Banks vermutet eine homoerotische Beziehung zwischen den Mädels. Und Emily steht plötzlich in ganz anderem Lichte da. Es wäre jetzt ein Unentschieden zwischen Banks und Emily. An der Spannungsschraube wird ein weiteres Mal gedreht. Emily schlägt einen anderen Deal vor. Dr. Siebert bleibt auf der Strecke. Die Spannung hält sich, bis klar ist, dass Dr. Banks alleiniger Sieger ist. Und mit ihm natürlich auch die Pharmaindustrie.
Das ist Hochspannung durch unerwartete Wendungen. Ein durchaus aktuelles Phänomen wird komplex durchleuchtet: fachlich aber auch subjektiv mit sich wandelnden Charakteren. Anspruchsvoll packend, und das auch noch beim zweiten Mal anschauen.Mehr anzeigen


Gelöschter Nutzer

vor 6 Jahren

Side Effects überrascht und erschreckt gleichzeitig, wie mit nahe zu viel Wahrheit hier dieser Stoff verfilmt wurde von Soderbergh. Wie Ärzte wieder über die Behandlung und Verantwortung ihrer Patienten reflektieren, damit eine Unzurechnungsfähigkeit zu keiner Fahrlässigkeit führt.


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