CH.FILM

Halb so wild Deutschland, Schweiz 2013 – 80min.

Halb so wild

Filmkritik

Irrungen und Wirrungen

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Ein Quintett aus der Grossstadt macht Ferien in einem abgelegenen Tessiner Rustico. Die spasseshalber animierte Wahrheitssuche eskaliert. Jeshua Dreyfus' Kammerspiel in herber Naturidylle entwickelt sich zum dramatischen Outing.

Eher zufällig bändelt Student Jonas (Oliver Russ) an einer deutschen Raststätte mit der burschikosen Fine (Anna von Haebler) an. Dazu gesellen sich Fines Schwester Babs (Jamila Saab) und ihre Partner David (Stefan Leonhardsberger) sowie die eigenwillige Mara (Karen Dahmen). Man verabredet sich zu einer gemeinsamen Ferienfahrt ins Tessin. Ziel ist ein abgelegenes Rustico.

Man scherzt, pafft, trinkt, schäkert, tobt sich ein bisschen am Bergbach aus und gesellt sich ans Feuer. Mara animiert die Rustico-Hippies zu einer "Wahrheitsrunde". Das harmlose Fragespiel nimmt an Schärfe zu. Die vermeintliche Harmonie bröckelt, die Kontroversen eskalieren. Das Fass zum Überlaufen bringt der Seitensprung Davids mit Fine, die keine Skrupel hat, mit dem Partner ihrer Schwester mal ebenso ins Bett zu gehen. Jonas erlebt sein kleines amouröses Waterloo und scheint in Mara eine Seelenverwandte gefunden zu haben. Es scheint, als käme alles wieder ins Lot.

Fünf junge Leute wollen Ferienspass, doch aus dem Spass wird ernst – das ist fast schon vorhersehbar. Die Wahrheit wird gekitzelt und bricht sich Bahn. David will seine sexuelle Freiheit, aber auch Babs, und die ist bereit zu teilen, um David zu halten. Fine spielt ihr eigenes Spiel und heizt das Feuer an. Jonas versagt, wird von Mara wieder aufgebaut und mag sich aber nicht entscheiden. Das Beziehungsnetz muss neu geknüpft werden.

Vieles bleibt offen in dem kleinen Outing-Drama des Brienzers Jeshua Dreyfus. Ihm gehe es um Ehrlichkeit und Wahrheit, unterstreicht der Autor in einem Statement. In seinem kompakten Beziehungsstück inmitten wilder Naturidylle wirkt vieles authentisch – auch dank eines überzeugenden deutschen Jungschauspielensembles. Dreyfus nutzte die naturgegebenen Bedingungen, wobei es nicht nötig ist ein symbolhaftes Spiel mit Hasen und Pfeilbogen einzubauen, und stiess mit seiner Crew an die (physischen) Grenzen.

Die strukturelle Einfachheit, die Kargheit des Schauplatzes und der Mittel (bei einem Minibudget von etwa 30000 Franken) sprechen für sich. Das intime, leise, nur punktuell explosive Kammerspiel im Tessiner Bergwald überzeugt durchweg. Der Debütfilm des Jungfilmers ist beachtlich, wenn auch stellenweise leicht aufgesetzt und durchsichtig – und gleichwohl vielversprechend.

16.07.2013

3

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Kommentare

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marzili4

vor 4 Jahren

Wie kann man so etwas als schweizer Film zu verkaufen. Deutsche Touristen im Tessin.


gefuehlsmensch

vor 5 Jahren

packend und fesselnd.


lava22

vor 6 Jahren

interessant...


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