Class Enemy 2013 – 112min.

Class Enemy

Filmkritik

Eine Schulklasse begehrt auf

Filmkritik: Andrea Wildt

Der Debütfilm des Slowenen Rok Bicek zeigt die dramatischen Reaktionen einer Schulklasse auf den Selbstmord einer Schülerin und lotet im Mikrokosmos Klassenzimmer Brennpunkte der slowenischen Gesellschaft aus. Ein Erstlingswerk, das nachwirkt.

Slowenien, heute. Ein neuer Lehrer kommt in die Oberstufen-Klasse. Seine Methode, die deutsche Sprache zu unterrichten, ist ungewohnt und stösst bei den Schülern auf Ablehnung. Als sich die sensible Schülerin Sabina nach einem Gespräch mit ihm das Leben nimmt, bricht in der Klasse eine Revolte aus. Die Schüler beschuldigen den neuen Lehrer und wollen ihn für den Tod der Mitschülerin zur Verantwortung ziehen. Die Denunziationen laufen immer aggressiver auf eine Eskalation hinaus.

Die beachtenswerte Leistung des jungen Filmemachers Rok Bicek besteht darin, aus diesem didaktischen Stoff ein dramatisches Porträt der slowenischen Gesellschaft zu stricken. Dort scheint es an so einigen Ecken zu brodeln: Neben der hohen Selbstmordrate des Landes kristallisieren sich in den Gesprächen der Schüler vor allem Fremdenhass, Leistungsdruck, Egoismus und ein problematisches Verhältnis mit der einstigen Besatzungsmacht Deutschland heraus. All diese Elemente schafft der Film in pointierten Dialogen, Gesten und Ereignissen im Film anzusprechen, ohne gleich daraus ein Thema zu machen.

Class Enemy erhält seine Spannung vor allem aus seiner klugen Dramaturgie und den pointierten Dialogen, von denen so einige unbarmherzig ins Herz stechen. So bleibt die Verantwortung für den Tod von Sabina den gesamten Film über ein Spielball zwischen den diversen Parteien des Plots: Zwischen dem strengen Lehrer, dem problematischen Elternhaus, der rassistischen Gesellschaft und dem Leistungsdruck der Schule hin und her geworfen, bleibt die Schuldfrage bis zum Ende des Films in der Schwebe. War es der Lehrer, der als er Sabina zwang, das Wort Versager zu definieren, in den Selbstmord trieb, oder die überforderten Eltern? In Class Enemy drücken sowohl die Gesellschaft als auch das Individuum die Anklagebank.

Neben der scharfsinnigen Dramaturgie geben die Figuren diesem Kammerspiel seine Überzeugungskraft. Zwar sind alle herkömmlichen Typisierungen von Schüler wie Lehrer präsent (der Streber, die Empfindsame, die attraktive Sportlehrerin etc.), dennoch bleibt keiner von ihnen in seinem Klischee stecken. Auch die Figur des strengen Deutschlehrers (unnahbar gespielt von Igor Samobor) erhält im Laufe des Films so manche Schattierung, ohne dass je zu viel erklärt wird. Das macht den Film spannend und undurchdringlich. Die nüchternen Farben und die eigenwillige Kadrierung geben Class Enemy auch optisch eine sehr eigene Note und runden diesen aufrührerischen Debütfilm überzeugend ab.

16.09.2014

4

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Kommentare

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vor 3 Jahren

Eine Psychostudie, die sich selber treu bleibt und das heutige System in seiner gnadenlosen Gerechtigkeit ausleuchtet. Glaubwürdiges Porträt der slowenischen Gesellschaft, dargestellt von sensiblen Schauspielern, die zwischen den kargen Schulhauswänden zu regelrechten Charakterköpfen avancieren.
Der Film ist dominiert von Schweigen, Stille, Leere. Rok Bič ek beweist: weniger kann (viel) mehr sein.Mehr anzeigen


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