CH.FILM

Virgin Tales Schweiz, USA 2012 – 87min.

Virgin Tales

Filmkritik

Ein Gebot der Reinheit

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Sie sind Vorreiter und Verfechter einer religiösen Bewegung in Amerika: Randy Wilson und seine Familie bieten sich als tief gläubige evangelikale Christen dar. Sie sind Gründer der Jungfrauenbälle und Verfechter des absoluten Keuschheitsgebots. Mirjam von Arx hat ihr Wirken dokumentiert.

Herzig. Die Mädchen zwischen vier Jahren bis zu Teenagern und jungen Frauen an die 20 bereiten sich auf den Jungfrauenball in Colorado Springs vor. Freudige, aber keusche Erregung. Natürlich sind alle Jungfrauen. Ein Fest für Väter und ihre Töchter. Purity-Missionar Randy Wilson hat diesen Event vor über zehn Jahren ins Leben gerufen. Nun naht der letzte Ball mit seinen noch nicht verheirateten Töchter und anderen. Wie Ballerinen schwirren die Mädchen übers Parkett, schleppen ein Kruzifix auf den Tanzboden und schmücken es mit (jüngfräulichen?) Schleiern. Der Ball ist eröffnet.

Das gesellschaftliche Ereignis ist Sinnbild und Fest einer neuen alten Moraloffensive, die da heisst: Zurück zur Reinheit, zur Keuschheit, zur Mütterlichkeit und Frau am Herd - ohne Karrieregelüste. Die Familie sei das Fundament der Gesellschaft predigt der Guru dieser Purity-Bewegung, Wilson, und führt seine heile Familie vor: die verheirateten Töchter mit den entsprechend idealen Ehemännern, die jungfräulichen Töchter, die sich nach einem gottgesandten Ehegatten wie ihren Vater sehnen, und die zwei patriotischen Söhne, wobei der jüngste sich als Offizier in Westpoint ausbilden lassen will, um "dem Feind dann später nahe zu sein".

Diese heile Welt wird vorgeführt: schrankenlose Elternliebe und väterliche Fürsorge (die aber bei der Gattenwahl sehr wohl mitbestimmt), die Lust auf Warten und Erfüllung, die Sehnsucht nach einer vollendeten Ehe, welche die Liebe erhalten soll und nicht umgekehrt, letztlich der absolute Glaube an Gott und Sohn Jesu, der natürlich über dem Ehemann steht. Konflikte kennt man keine innerhalb der Familie. Nur die böse liberale Welt draussen mit Sex und Homosexuellen sowie anderen Feindbildern bedroht die gepredigte Purity-Heilslehre. Farbige und andere Andersgläubige kommen übrigens weder verbal noch augenscheinlich vor.

Zwei Jahre hat die Schweizerin Mirjam von Arx diese Vorzeige-Familie begleitet, hat sie sich inszenieren lassen und wenige spontane Momente eingefangen. Die Liebes- und Dankesbekenntnisse der Töchter zum Vater, zur Mutter, zu den Geschwistern wirken geschönt wie falsche Lippenbekenntnisse, auch wenn sie echt scheinen. Die Filmautorin enthält sich jeden Kommentars, geht auch nicht auf Distanz und lässt die evangelikalen Christen aus den USA für sich sprechen. 25 Prozent der Amerikaner sollen dieser erzkonservativen Bewegung anhängen. Erste Ableger davon gibt es bereits in Europa. Letztlich gelingt es von Arx exzellent und ohne Vorurteil, ein gesellschaftlich-religiösen Phänomen sachlich darzustellen, das bereits politische Dimensionen angenommen hat. Die Autorin hält sich mit direkter Kritik bewusst zurück. Ein jeder bilde sich sein Urteil!

07.06.2012

3

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Kommentare

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kinopeitsche

vor 7 Jahren

Beklemmender DOK über die US-evengelikale Hirn-, Herz- und Hormonwäsche an Jugendlichen. Der Film offenbart einen furchteinflössenden Blick in die mit stetem Lächeln gegürtete Diktatur eines hammerharten, gnadenlosen und leider weit verbreiteten Gottesglaubens. Sehenswert, trotz formalen und dramaturgischen Mängeln. Ach - habe mich gewundert, dass ich als Mann allein unter lauten Frauen im Kino sass...Mehr anzeigen


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