Ginger & Rosa Kanada, Kroatien, Dänemark, Grossbritannien 2012 – 90min.

Ginger & Rosa

Filmkritik

Häusliches Glück gegen politisches Engagement

Andrea Lüthi
Filmkritik: Andrea Lüthi

Die britische Regisseurin Sally Potter (The Man Who Cried) hat einen bewegenden Film gemacht über zwei Teenager, die während des Kalten Kriegs aufwachsen.

Angst vor einem Atomkrieg und Ohnmachtsgefühle sind allgegenwärtig im Film von Sally Potter. Die Regisseurin, die selber während des Kalten Kriegs aufwuchs, erzählt von zwei Jugendlichen auf der Suche nach Halt, Sinn und Gleichgesinnten im London der 60er-Jahre.

Rosas Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht, und weil die Mutter häufig unglücklich ist, hält sich Rosa (Alice Englert) lieber bei Ginger (Elle Fanning) auf. Gingers charmanter Vater schreibt politische Essays und stellt die Freiheit über alles. Währenddessen leidet seine Frau still und einsam zuhause. Ihre verzweifelten Bemühungen, die Ehe mit romantischen Nachtessen zu retten, treiben ihn vollends fort aus der bürgerlichen Enge in eine Philosophen-WG. Ginger zieht zu ihm: "Weil sie ständig jammern, sind die Frauen selber schuld, wenn die Männer sie verlassen", finden sie und Rosa. Beide sind überzeugt, ihr Leben anders und besser zu gestalten. Ginger nimmt zur Freude ihres Vaters an Demonstrationen zur nuklearen Abrüstung teil, Rosa interessiert das wenig. "Nicht alle können die Welt retten", sagt sie, "manche entscheiden sich für einen Menschen." Dieser Mensch ist ausgerechnet Gingers Vater, und der lässt sich auf eine Affäre mit der 17-Jährigen ein. Plötzlich beginnt Gingers Vater-Ideal zu bröckeln, und sie gerät in einen Loyalitätskonflikt. Das Gefühlschaos in ihrem Mikrokosmos fällt zusammen mit einer Demonstration, bei der Ginger verhaftet wird und der Weltuntergangsstimmung der Kubakrise – es kommt zum Eklat.

Immer wieder erforscht die Kamera die Gesichter in schön ausgeleuchteten Grossaufnahmen. Und so allein sie hier sind, so allein sind sie in ihrer Entscheidung, wie sie mit Angst und Bedrohung umgehen. Während sich Gingers Pate oder ihr Vater öffentlich engagieren, ziehen sich andere, wie Gingers Mutter, in ihr geborgenes Zuhause zurück. Mit viel Feingefühl zeigt Potter, wie die Teenager sich eigene Strategien suchen. Zögerlich fangen sie an, zu hinterfragen, was sie für richtig hielten - oder sie verfallen in die Muster ihrer Mütter, die sie kritisierten: In einer Szene schaut Rosa erwartungsvoll zu, wie Gingers Vater ihre selbstgekochte Mahlzeit kostet.

Es ist erstaunlich, wie man als Zuschauer ständig die Empathie umverteilen muss, so vielschichtig sind die Charaktere angelegt. Das ist sicher auch ein Verdienst der Schauspieler, vor allem aber von Sally Potter, die das Verhalten ihrer Figuren nie wertet oder gar verurteilt. "Ginger and Rosa" ist nicht nur ein persönliches zeitgeschichtliches Porträt, sondern zugleich eine eindringliche Studie über das Heranwachsen in einer Krisenzeit, über das Ausloten der Grenzen zwischen Freiheit und Rücksicht, zwischen privatem und öffentlichem Engagement.

18.03.2013

4

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Kommentare

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Janissli

vor 2 Jahren

Eine spezielle Freundschaft die sich mit dem Älter-Werden ziemlich verändert.


fäderli

vor 6 Jahren

Guter Film, bringt die Stimmung in den 60er Londons toll rüber. Ein Punkt Abzug, weil er etwas langatmig ist.


spiggy

vor 6 Jahren

Ich war enttäuscht. Habe etwas völlig anderes erwartet. Eher langweiliger Film.


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