CH.FILM

The Guantanamo Trap Kanada, Frankreich, Deutschland, Schweiz 2011 – 90min.

Filmkritik

Kollateralschaden Murat Kurnaz

Filmkritik: Eduard Ulrich

Das in Bayern aufgewachsene Multitalent Thomas Selim Wallner besitzt wie der als Bremer Taliban bekannt gewordene Murat Kurnaz einen orientalischen Hintergrund. Auch deshalb interessierte es ihn, wie ein unbescholtener Bürger in die Foltermühlen der USA geraten konnte.

Das Leben ist wie eine Hühnerleiter: kurz und ... Dasjenige von Murat Kurnaz verdeutlicht diese Lebensweisheit in bedauerlicher Form. Mit noch nicht 20 Jahren reist er im Oktober 2001 wie schon länger geplant und dummerweise wenige Wochen nach den Anschlägen auf die Twin Tower nach Pakistan, wo er im November bei einer Polizeikontrolle verhaftet und an die US-Truppen als Talibankämpfer verkauft wird. Damit beginnt ein Leidensweg durch die Geheimgefängnisse der US-Armee, der ihn bald nach Guantánamo führt, wo er über vier Jahre mit allen dort üblichen Methoden gefoltert wird, ohne dass ihm etwas Kriminelles nachgeweisen werden kann.

Er wird schließlich auf Druck der ausgewechselten deutschen Regierung entlassen. Diese schreckliche Geschichte eignet sich bestens für einen Spielfilm, aber Thomas Selim Wallner wollte die Voraussetzungen verstehen, warum das passieren konnte. So räumt er in seiner eindrucksvollen Dokumentation zwei Vertretern des Folterregimes, der Juristin Diane Beaver und dem Juristen Matthew Diaz etwa gleichviel, dem spanischen, aber sogar Deutsch sprechenden Richter Gonzalo Boye, der diese Ungerechtigkeit juristisch verfolgt, etwas weniger Zeit ein als seinem "Hauptdarsteller". Dabei vertreten Beaver und Diaz Gegenpole, denn Beaver lieferte die juristische Unbedenklichkeitserklärung für die barbarischen Foltermethoden, während Diaz angesichts des Leides und der offensichtlichen Völker- und Menschenrechtsbrüche die Fronten wechselte.

Obwohl Wallner, der auch das Drehbuch besorgte, sich selbst als nicht religiös bezeichnet, ergreift er nicht plump Partei, sondern zeigt, wie sich Ziele und Normen widersprechen und dabei viele Menschen auf der Strecke bleiben. Diese Menschen porträtiert er im Alltag, geht beispielsweise mit Richter Boye Abendessen, im Beruf, aber auch in speziellen Momenten wie der Gerichtsverhandlung, in welcher Beaver unerwartet ihren Folterfreibrief verteidigen muss. Am Ende hat man einige wichtige Personen in diesem Krieg gegen den Terrorismus kennengelernt, man versteht bis zu einem gewissen Grade, warum sie so gehandelt haben, aber man ist nicht davon überzeugt, dass dieser Krieg mit diesen Mitteln geführt werden sollte oder gar auf diese Weise gewonnen werden könnte.

15.06.2011

4

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

funbelt

vor 9 Jahren

Eindrücklich und sehr informativ. Unglaublich, dass es so etwas gibt in der heutigen Welt und niemand in der Politik übernimmt Verantwortung!


Mehr Filmkritiken

Justice League

Lovecut

Fabian oder der Gang vor die Hunde

Der menschliche Faktor