Nathalie küsst Frankreich 2011 – 108min.

Filmkritik

Himmelsmacht Liebe

Walter Gasperi
Filmkritik: Walter Gasperi

800'000 mal wurde David Foenkinos Roman um eine junge Frau, die nach einem schweren Verlust erst wieder ins Leben finden muss, allein in Frankreich verkauft. Er wurde in 21 Sprachen übersetzt und mit zehn Literaturpreisen ausgezeichnet. Der Erfolg schreit geradezu nach einer Verfilmung. Weniger üblich ist allerdings, dass sich der Autor dann selbst zusammen mit seinem Bruder auf den Regiestuhl setzt.

Unvermittelt ist der Einstieg. In kurzen Szenen erzählt das Regieduo rasant von Kennenlernen über Hochzeit bis zum aufkommenden Kinderwunsch vom scheinbar grenzenlosen Glück von Nathalie (Audrey Tautou) und François (Pio Marmaï). Doch eines Tages wird François von einem Auto überfahren und stirbt. Wie soll das Leben für Nathalie weitergehen? Sie stürzt sich in die Arbeit, verdrängt den Schmerz, und mit einem Schnitt werden drei Jahre übersprungen.

Auf die Avancen ihres Chefs (Bruno Todeschini) reagiert sie abweisend, küsst wenig später aber aus heiterem Himmel den unscheinbaren, stets beige gekleideten schwedischen Arbeitskollegen Markus (François Damiens), der nur zu einer Dienstbesprechung in ihr Büro kam. Markus ist wie verzaubert, doch sie kann oder will sich an den Kuss nicht erinnern. Dennoch trifft man sich öfters, geht ins Restaurant, ins Theater, zu einer Party von Nathalies Freunden. Sie aber betont, dass sie nur Freunde seien, aber kein Paar.

Gekonnt lassen die Foenkinos mit Voice-over in das Denken und Fühlen ihrer Protagonisten blicken und entwickeln damit ebenso wie mit Chanson-Einlagen oder dem Einsatz von Zeitlupe, in denen die Zeit still zu stehen und nur der Augenblick zu zählen scheint, einen verspielten und federleichten Fluss. Die Tiefe des Schmerzes spielen die Regiebrüder dabei nicht herunter, machen ihn aber in der Leichtigkeit der Inszenierung erträglich. Hier wird spürbar, welche Wunden der Verlust zurücklässt, wenn Nathalie ganz in Grau lange durch die tristen Gassen von Paris spaziert. Dennoch muss einmal das Leben weiter gehen.

Zauberhaft ist diese warmherzige Dramödie, in der mit viel charmantem Witz die unberechenbare Himmelsmacht Liebe und ihre Wirkung auf die Menschen beschrieben wird, in ihrem Mix aus Verträumtheit und Lebensnähe, aus Romantik und Verankerung im Realismus. Vertrauen können die Foenkinos dabei auch auf ihre SchauspielerInnen: Audrey Tautou variiert ein weiteres Mal die Figur der Amélie, François Damiens spielt seinen Markus hinreißend als graue Maus, die aufblüht, und Bruno Todeschini brilliert als unglücklich verliebter und zu Eifersucht neigender Chef.

26.07.2012

4

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Kommentare

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Barbarum

vor 5 Jahren

Charmant aber irgendwie auch planlos.


Tatschi82

vor 7 Jahren

Ich hatte ehrlich gesagt mehr erwartet - irgendwie nehme ich ihnen die Liebesgeschichte nicht ab


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