Infancia clandestina Argentinien, Brasilien, Spanien 2011 – 112min.

Filmkritik

Das Leben wartet nicht

Filmkritik: Andrea Wildt

In seinem Debut-Spielfilm erzählt der argentinische Regisseur Benjamín Ávila die Geschichte seiner Eltern, die in den 1970er-Jahren in Argentinien gegen die Militärdiktatur kämpften und fokussiert den menschlichen Aspekt dieser Zeitgeschichte.

Infancia Clandestina kann man als "illegale Kindheit" übersetzen. Dabei ziehen die Eltern von Juan recht sichtbar und bürgerlich in einen netten Wohnbezirk von Buenos Aires, als sie Ende der 1970er-Jahre eigenmächtig aus dem Exil zurückkehren. Sie sind führende Mitglieder der peronistischen Bewegung Montonero, einer Stadtguerilla, die mit Entführungen und Attentaten gegen die Militärdiktatur in Argentinien kämpfte. Wie die Jungen seines Alters kann der 12-Jährige zur Schule gehen, ins Zeltlager fahren, auf seiner Geburtstagsparty sein Herzfräulein zum Tanz auffordern... Aber Juan führt ein Doppelleben: Für seine Klassenkameraden heisst er Ernesto, kommt aus Cordoba und er muss seinen Geburtstag erst in seinem Pass nachschlagen.

Die Geschichte um Juan entspricht zum grossen Teil der Lebensgeschichte des Regisseurs. Benjamín Ávila erzählt in Infancia Clandestina seine Biografie, fängt aber auch die Stimmung der Militärdiktatur ein. Eine Zeit, in der Angst zusammen mit Freude, Liebe und Leidenschaft den Alltag bestimmte. So schildert der Film nicht nur die Jugend des Regisseurs, sondern stellt auch Fragen nach der individuellen Verantwortung in einer Diktatur zur Verhandlung. Haben Untergrundkämpfer das Recht auf eine Familie und ein annähernd normales Leben mit ihr? Was bedeutet das persönliche Glück im Kampf für eine bessere Welt, eine bessere Welt auch für die eigenen Kinder?

Dieser Brückenschlag zwischen Politischem und Privatem gelingt dem Film mit einer ergreifenden Unbeschwertheit. Traumatische Szenen, wie ein Attentat auf die Eltern, werden als Comic aus der Perspektive des jungen Protagonisten individualisiert. Die Kamera sucht immer wieder die Details im Grossen Geschehen: Augen, Münder, Haut und immer wieder die nahen Atemgeräusche seiner Figuren. Derart kommen sie dem Zuschauer nicht nur auf historischer Ebene, sondern als lebendige, reale Schicksale näher. Wie in einer Schlüsselszene des Film, in der Juans Onkel den Frischverliebten in das Geheimnis der Frauen anhand einer schokoladenumhüllten Nuss einweiht, gelingt es dem Film, die wichtigen Ideale im Leben mit ihren wichtigen Kleinigkeiten zu vereinen.

20.03.2013

4

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