CH.FILM

Flying Home Japan, Schweiz, USA 2011 – 80min.

Flying Home

Filmkritik

Abseits im Abseits

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Ein Schweizer bricht aus: Der Zürcher Walter Otto Wyss war Autokonstrukteur, Fotograf, Autodidakt und auf seine Art ein Lebemann. Sein Enkel Tobias Wyss ist den Spuren seines Onkels gefolgt und entwirft das Bild eines rastlos Getriebenen.

Walter Otto Wyss, WOW genannt, verlässt 1939 nach einem tragischen Verkehrsunfall mit einem Sportwagen Marke Eigenbau die Schweiz und zieht in die USA. Er beginnt bei Ford eine Karriere, arbeitete bei General Motors und Chevrolet in Detroit und entwickelt 1946-49 für die Firma Beechcraft in Wichita ein modernes Hybrid-Auto. Doch es wird nichts draus, es bleibt beim Prototyp. Und so geht Wyss nach Los Angeles, trifft 1952 die schwarze Tänzerin Martinique, seine Lebenspartnerin für eine Weile, bereist Südamerika, lebt in Tokio (1959-1963) und siedelt nach Honolulu um, wo er bis zu seinem Tod 2001 wohnt.

Tobias Wyss fand in WOWs Nachlass kistenweise Fotos, Dias (allein 25'000), Tonbänder, Videos, Briefe, die sich in 70 Jahren angesammelt hatten. Der Zürcher 69jährige Filmer, liess sich davon zu einem Film inspirieren. So entstand das Porträt des widersprüchlichen "Onkels in Amerika". Eine filmische Biographie, die das Bild eines rastlosen, getriebenen Mannes zeichnet, der jahrzehntelang seiner Mutter schrieb, von ihr und der Schweiz nicht los kam. WOW konnte in der alten Heimat nicht mehr heimisch werden, zuletzt ein Einsiedler, unscheinbar reich, aber einsam.

Das sehr persönlich gefärbte Wyss-Porträt erweist sich als fesselndes Filmdokument im besten alten Sinn. Die Arbeit des Dokumentarfilmers wird nachvollziehbar, wird selbst zum Thema und Reflexionsfläche seiner Auseinandersetzung. Tobias Wyss erkannte eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Onkel. Das zeigt und dokumentiert sein Film: "Mit ihm hat mich bis heute der starke Wunsch verbunden, anders zu sein. Einen anderen Weg zu wählen als den, der von uns erwartet wird - oder von dem wir zumindest dachten, man würde ihn von uns erwarten. Dazu habe ich oft das Gefühl, mir selbst fremd zu sein, ein Gefühl, das ich bei meinem Onkel in Amerika auch immer wieder erkannt habe", resümiert Tobias Wyss.

16.01.2012

4

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