CH.FILM

Eine dunkle Begierde Kanada, Deutschland, Schweiz, Grossbritannien 2011 – 99min.

Eine dunkle Begierde

Filmkritik

Therapie zwecklos

Benedikt Eppenberger
Filmkritik: Benedikt Eppenberger

Kann das gut gehen, wenn David Cronenberg einen Kostümfilm über den epochalen Krach zwischen den Psychoanalytikern C. G. Jung und Sigmund Freud dreht? Immerhin zeigte der Kanadier in seinen Filmen auch schon mal Sex mit Autos (Crash), die Verschmelzung von Videorecorder und Mensch (Videodrome) oder die Welt durch die Augen von Parasiten-Würmern (Shivers). Doch für A Dangerous Method gibt sich der Kultregisseur zurückhaltend cool und trifft damit genau den richtigen Ton.

"Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält", bemerkte Karl Kraus einmal scharfzüngig. Der Streit um die Psychoanalyse tobt seit ihrer "Erfindung" und die Methode hat, jenseits des therapeutischen Einsatzes, markante Spuren in der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen. So gesehen überrascht es nicht, dass sich David Cronenberg ausgerechnet die Anfänge der Psychoanalyse als Filmsujet ausgesucht hat. Schliesslich ist alles drin, was den Kanadier, der sich seit seinen Trash-Anfängen immer gern an den Bruchstellen zwischen rationaler Wissenschaft und Wahnsystemen bewegt hat, von jeher umtrieb: verrückte Wissenschaftler, Gurus, Sex, Perversion sowie Verdrängtes, das sich als Monster materialisiert.

Das Jahr ist 1904. Zürich sieht ein bisschen aus wie eine ins Eisbad getauchte Kleinstadt aus einem Sissi-Film. Kutschen rollen über Kies, Männer tragen Bart oder Schnauzer und Zylinder. Die Frauen haben das Korsett eng geschnürt. In der ultrasteifen Umgebung der psychiatrischen Klinik Burghölzli wirkt Arzt C. G. Jung (stark: Michael Fassbender) nur steif, soll heissen: fast schon freundlich. Zu Jung, der bei seinen Patienten mittels einer revolutionären Methode nach den verborgenen Ursachen für ihre psychischen Störungen sucht, wird kurz nach der Jahrhundertwende die verhaltensauffällige Russin Sabina Spielrein (Keira Knightly) in Behandlung geschickt. Zum Einsatz gelangt mit der Couch jenes Utensil, das der umstrittene Wiener Arzt und Psychologe Sigmund Freud (stark: Viggo Mortensen) seitdem sprichwörtlich gemacht hat. Noch ist Jung Freudianer und sucht so mittels Traumanalyse nach Hinweisen auf sexuelle Ursachen für die Neurose seiner Patientin.

Jung tritt kurz darauf in direkten Kontakt mit seinem Wiener Lehrmeister. Der ist zunächst begeistert vom Schweizer, sieht in ihm gar den Nachfolger auf dem Thron der psychoanalytischen Bewegung. Doch dann kommt es über die von Freud betriebene Fixation aufs Sexuelle zum Zerwürfnis. Der Freudianer Jung wird zum Jungianer, das heisst, er weitet die Methode ins "Esoterische" (Freud) und stellt damit die Autorität der Wiener Vaterfigur in Frage. Dass der verheiratete Jung mit Sabina Spielrein - die sich während und nach der Analyse zwar emanzipiert, Medizin studiert, gleichzeitig aber eine Fixation auf Jung entwickelt - eine sexuelle sadomasochistische Beziehung (es fitzen die Lederriemen!) unterhält, macht die Sache nicht eben einfacher. Wer im Dreieck der "Kranke", wer der "Gesunde" sei, ist bald einmal nicht mehr auszumachen.

Aus dieser Anlage macht Cronenberg einen eleganten Film, der ganz nebenbei zeigt, wie das Dreieck Jung-Spielrein-Freud Glanz und Elend des 20. Jahrhunderts in embryonaler Form bereits enthält. Dasselbe wusste Karl Kraus bereits vor mehr als hundert Jahren: "Krank sind die meisten. Aber nur wenige wissen, dass sie sich etwas darauf einbilden können. Das sind die Psychoanalytiker."

06.06.2012

4

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Kommentare

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Barbarum

vor 5 Jahren

Obwohl es eigentlich nicht um Chirugie, sondern um Psychoanalyse ist mir das alles zu steril, da kommt keine wirkliche Spannung auf.


Gelöschter Nutzer

vor 6 Jahren

Höchst anspruchsvolle Unterhaltung, was da Cronenberg verspricht. Seine beste Arbeit bislang. Um einmal eben zu zeigen was er kann, keinesfalls kontrovers, wie einer oft meint. In ruhiger Bildersprache, gelingt ihm der eine oder andere seltene Witz zwischen Jung und Freud, die deutliche Gespräche unter ihnen, wie es vom überzeugenden Drehbuch gewünscht wird. Das gilt ebenfalls für Fassbender und Mortensen, die äusserst in ihren Charakterrollen brillieren. Selten für Knightley, wie sie ihre Leistung beweist mit einer solchen Reife.Mehr anzeigen


jasminola

vor 7 Jahren

Tolle Schauspieler & Gedankenanregend


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