Eine offene Rechnung USA 2010 – 114min.

Eine offene Rechnung

Filmkritik

Leben mit der Schuld

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

In John Maddens erstklassig besetztem Remake eines israelischen TV-Thrillers geht es um drei Mossad-Agenten, die zu Volkshelden wurden, aber immer verschwiegen, dass ihr Auftrag eigentlich zum Fiasko geraten war. 30 Jahre später droht die Wahrheit ans Licht zu kommen.

Drei Ex-Mossad-Agenten (Helen Mirren, Tom Wilkinson und Ciarán Hinds) sind in Israel Volkshelden, seit sie eine Operation in Ost-Berlin durchführten. Doch ihr Ruhm beruht auf einer Lüge: 1966 wurden sie nach Ost-Berlin geschickt, um den "Schlächter von Birkenau" (Jesper Christensen) zu stellen. Anfangs läuft alles glatt, doch dann wird die Mission zum Fiasko. 30 Jahre danach droht die Wahrheit ans Licht zu kommen.

Eigentlich wollte Matthew Vaughn Regie führen, hatte dann aber doch keine Zeit. Mit John Madden fand man aber einen guten Ersatzmann. Anders als das Original, der isrelische TV-Film "Der Preis der Vergeltung", setzt sein Remake noch mehr auf Action, wirkt ungleich größer, aber nicht zwangsläufig besser. Man darf die Praxis hinterfragen, ob es sinnig ist, Filme neu aufzulegen, die erst drei Jahre alt sind, nur damit ein englischsprachiges Publikum die Geschichte auch in der eigenen Sprache sehen kann, aber davon unabhängig muss man The Debt für sich allein stehend sehen.

The Debt ist ein Polit-Thriller, wie er auch in den 70er Jahren hätte entstanden sein können. Er lebt von seinem realistischen Ambiente und schafft es, trotz der komplexen Struktur das Publikum immer bei der Stange zu halten. Der Film springt zwischen dem Geschehen in den 60er und 90er Jahren hin und her, ist dabei jedoch so gearbeitet, dass man als Zuschauer stets gespannt ist, wie es weitergeht und wie beide Geschichten miteinander korrelieren.

The Debt ist ein intelligenter Film, der sich mit der grossen Frage auseinandersetzt, wie Menschen leben, die sich schuldig gemacht haben. Das wird exemplarisch am KZ-Arzt, aber eben auch an den Mossad-Agenten aufgezeigt: Ihnen allen gemein, dass sie alles zu verlieren haben. Es ist nur zu menschlich, Versuchungen zu erliegen und die eigene Schuld oder das Versagen zu verdrängen. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Gut und Böse: die Erkenntnis, dass irgendwann jede Rechnung beglichen werden muss, auch wenn der Preis der (geistigen) Freiheit groß ist.

19.10.2011

4

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Kommentare

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8martin

vor einem Monat

Dieser Agententhriller ist ein präzise nachempfundener Fall, der so zwischen Mengele und Eichmann anzusiedeln ist. Der Mossad findet den Mediziner Dieter Vogel / Dr. Bernhardt (Jesper Christensen) in Ostberlin, entführt ihn, um ihn in Israel vor Gericht zu stellen. Vogel hatte im KZ an Juden Experimente durchgeführt.
Rachel (Helen Mirren), David (Ciaran Hinds / Sam Worthington), Stephan (Marton Csokas / Tom Wilkinson) und Rachel (jung Jessica Chastain) sollen das schaffen. Ein genial vorbereiteter Plan geht schief. Das Trio verbringt Vogel in ihre Wohnung. Er kann entfliehen.
Bis hierher war es schon hochspannend, doch jetzt kommt eine zweite Realität hinzu. Vogel war nämlich untergetaucht. Rachel liest öffentlich aus dem Buch ihrer Tochter, das die Ereignisse als Erfolgsstory verkauft. Alle Beteiligten sind dazu verdammt diesen Mythos weiterleben zu lassen.
Ein zweiter Teil zeigt sowohl die Gewissenskonflikte der drei, als auch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Rachel liebt eigentlich David, heiratet aber Stephan David hält das Leben mit dem Fake nicht aus und bringt sich um. Stefan macht Karriere beim Mossad. Alle kriegen das Trauma nicht aus ihren Köpfen. Als Vogel wieder auftaucht, muss ihn Rachel ausschalten.
Ein dritter und letzter Teil bringt Hochspannung in höchstem Maße. Ihr Kampf mit dem wirklichen NS Mörder – zuvor gab es noch zwecks Erhöhung der Spannung einen dementen Trittbrettfahrer – ist der Action-Höhepunkt des Films: Rachel und Vogel kämpfen mit Messer, Schere, Spiegelscherbe und einer Spritze. Helen Mirren zeigt, was sie noch in ihrem Alter draufhat. Ob sie überlebt hat, bleibt offen. Ein Hinweis an einen Journalisten dient der Veröffentlichung der tatsächlichen Wahrheit. Und diese Wahrheit ist der eigentliche Sieger.
Wie bei Hitchcock dehnen Zwischenfälle die Handlung und erhöhen die Spannung, die in Ringform präsentiert wird: Anfang ist gleich Ende. Was für ein großartiger Film!Mehr anzeigen


Barbarum

vor 3 Jahren

Gute Ausgangsidee, aber je länger je mehr fand ich das Ganze etwas zu einfältig gestrickt.


jokasava

vor 7 Jahren

Gute Story, gute Regie wie auch die Darsteller! Sehenswert!!


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