Und dann der Regen Spanien 2010 – 103min.

Filmkritik

Hysterie und Historie

Filmkritik: Eduard Ulrich

Die Spanierin Icíar Bollaín beeindruckte 2003 mit Te doy mis ojos zum Thema häusliche Gewalt. Gewalt sowohl in historischem Gewand als auch in moderner Uniform prägt nun auch ihr mehrschichtiges Drama um einen jungen Regisseur, der in Bolivien einen kritischen Film über Kolumbus dreht, was gleich auf mehreren Ebenen aus dem Ruder läuft.

Neben Jungstar Gael García Bernal ist in der eigentlichen Hauptrolle Luis Tosar zu sehen, der kürzlich in Celda 211 eine phänomenale Leistung bot. In der Rolle des erfolgreichen Regisseurs will Bernal in einer Favela Cochabambas "echte" Indios rekrutieren - diese Szene könnte auch aus einem Making-Of von Tambien la lluvia stammen, denn in dem kommen ebenfalls Indios vor.

Mit dieser Eröffnungsszene ist das Spiel auf der Klaviatur der Ebenen lanciert: Der Film spielt hauptsächlich auf drei Ebenen. Er besteht aus der Erzählung von der Entstehung eines kritischen Films über Kolumbus, aus diesem Kolumbus-Film selbst, von dem einige eindrucksvolle Szenen zu sehen sind, sowie einer dokumentarisch angehauchten Parallelgeschichte: Im Jahr 2000 verkauften einige Städte Boliviens auf Druck des IWF ihre Trinkwasserversorgung an den nordamerikanischen Bechtel-Konzern, der rücksichtslos den Preis verfielfachte, wogegen in Cochabamba die mausarmen Indios rabiat protestierten und schließlich auf Befehl der spanischstämmigen Stadtregierung vom Militär niedergeschlagen wurden.

Analog dazu thematisiert der Film über Kolumbus ein Tabu spanischsprachiger Länder, in denen dieser Entdecker und Eroberer bis heute einen legendären Ruf geniesst. Seit er seinen Fuß auf südamerikanisches Territorium und damit auf den Nacken der Ureinwohner setzte, leiden allerdings die Indios unter den Spaniern, und dieses Machtgefälle spiegelt sich auch in persönlichen Beziehungen wieder - beispielsweise im Umgang des spanischen Produzenten mit seinen Komparsen. Das Geld ist nämlich knapp, richtige Indio-Schauspieler kann man sich nicht leisten, aber echt soll es trotzdem wirken.

Zwischen diese drei Hauptebenen wurden zusätzliche Zwischenebenen gezogen: eine Journalistin, die den Entstehungsprozess mit einer Digitalkamera begleitet, und Probenszenen, in die das Hotelpersonal unfreiwillig miteinbezogen wird. Auch wenn einige Fäden nicht vernäht sind: Das Drehbuch besticht mit Eleganz und Ökonomie und bietet sogar noch einer persönlichen Schuld-und-Sühne-Geschichte Raum, die für ein packendes Finale sorgt. Die grandiosen Bilder runden den ausgezeichneten Gesamteindruck ab.

19.01.2017

4

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Kommentare

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Tatschi82

vor 7 Jahren

Bis ich den Film gesehen habe, wusste ich nichts über dieses Thema. Sehr erschreckend.


surfwelle

vor 9 Jahren

Zeitraum
Seit dem Wasserkrieg im April 2000, mit dem die Einwohner von Cochabamba die Privatisierung der Wasserversorgung verhindert haben, ist es in Bolivien immer wieder zu Blockaden und Aufständen und politischen Umwälzungen gekommen. Die bolivianische Gesellschaft besteht aus zwei Welten: der weißen Minderheit und der indigenen Mehrheit. Die Einheit der Bewegungen im April 2000 ist von unten und auf der Straße entstanden. Es folgte der Sturz des Präsidenten.
Zum Film
Mit der Umsetzung von Dogmatik, den hermeneutische Aufgaben der Neuzeit über den Weg des Neoliberalismus erwacht in den Protagonisten das Bewusstsein und Verstehen: auch nach 500 Jahren ist die kannibalische Weltordnung, Egoismus und Entfremdung präsent. Beim Einen ist sie geschichtliche Realität seit Geburt. Beim Anderen erwacht und reflektiert sich selbiges vor Ort. Es wächst eine Freundschaft die sinnbildlich für das globale Fortschreiten im Kampf gegen die strukturelle Gewalt des Kapitalismus steht.
Selbstverständlich wühlt die Thematik emotional auf und sensibilisiert uns mal eben wieder, aktueller kann ein Film nicht sein. Das Schauspiel hochklassig. An manchen Stellen wünscht man sich mehr emotionale Tiefe in der Interaktion der Protagonisten.Mehr anzeigen


simpsonb

vor 9 Jahren

film im film im film - grandiose schauspieler, wichtiges thema. ken loach lässt grüssen...


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