Small World Frankreich, Deutschland 2010

Small World

Filmkritik

Vertuscht, vergessen und fast vergeben

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

In seinem ersten Bestseller beschreibt Martin Suter akribisch die Geschichte einer fatalen Täuschung, Vertuschung und Offenbarung. Gérard Depardieu und Alexandra Maria Lara machen die Romanvorlage in Bruno Chiches Verfilmung (fast) vergessen.

Ein abgefackeltes Haus wird zum Fanal einer Familiengeschichte, die Schicht um Schicht aufgedeckt wird - so langsam und unweigerlich, wie das Feuer, das sich verzehrt und nur Asche zurücklassen wird. In dieser Eingangssequenz sind Buch und Film fast deckungsgleich. Konrad Lang (Gérard Depardieu) ist der Hüter eines Hauses auf Korfu im Dienste der Schweizer Industriefamilie Koch, die im Film Senn heisst. Er brennt die Villa fahrlässig, aber unabsichtlich ab. Doch statt im Gefängnis landet er auf dem Anwesen besagter Besitzerfamilie - irgendwo in der Ostschweiz (im Buch).

Konrad scheint ein Fremdkörper und doch mit dem reichen Clan emotional eng verbunden. Er hat zunehmend Gedächtnislücken - ein Fall von Alzheimer? Er war der Jugendfreund des aktuellen Patrons (Niels Arestrup). Die Drahtzieherin der Senn-Sippschaft ist jedoch Elvira (Françoise Fabian), die aus unerklärlichen Gründen dem gefallenen Konrad die Stange hält. Dessen fortschreitende Vergesslichkeit kommt ihr gut zupass. Als Senn-Sprössling Philipp (Yannick Renier) die unverblümte und unschuldige Simone (Alexandra Maria Lara) ins Haus bringt und heiratet, scheint alles seinen gewohnt bürgerlichen Gang zu nehmen. Doch Simone hat Mitleid mit dem Aussenseiter Konrad, der geduldet, aber nicht akzeptiert wird. Sie kümmert sich um den Alten. Das ist der Anfang vom Ende, denn Koni erinnert sich Stück um Stück. Er wird gefährlich...

Small World ist kein Film, der sich wortgetreu an Martin Suters Romanvorlage hält. Er nimmt sich seine Freiheiten, komprimiert, seziert, verändert und dramatisiert. Das sollte auch einem gewieften Suter-Leser nicht missfallen. Denn in Sinn und Kern bleibt Bruno Chiches Verfilmung auf gleichem Niveau. Erzählt wird die tragische Geschichte einer Täuschung und Aufdeckung, einer Fügung und Verfügung, letztlich aber auch des Vergessens, Verdrängens und der Läuterung.

Die zentrale Figur Konrad wird von Gérard Depardieu überzeugend bis zum letzten Blick und Kilo verkörpert: Er ist der Kristallisationspunkt, der Mensch zwischen Schuld und Sühne. Im Buch ist Konrad stärker als im Film Opfer und Alzheimer-Protagonist, einer, der aus der Vergangenheit auftaucht. Die Deutsche Alexandra Maria Lara ist in der deutsch-französischen Koproduktion die Lichtgestalt, recht eigentlich eine Augenweide. Alles in allem eine filmische Offenbarung und spannende Literaturverfilmung. Erst recht, wenn man das Buch nicht gelesen hat.

15.06.2011

4

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Kommentare

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davidkoch

vor 8 Jahren

Gérard Depardieu und Alexandra Maria Lara glänzen in dieser Suter-Vorlage.


domweber

vor 8 Jahren

ein genialer Film - sehr berührend


amalzia

vor 8 Jahren

@Thiinaa: nicht wirklich. Wenn man das Buch nicht kennt, ist es ein guter Film - mit Buch im Hinterkopf jedoch schwach...


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