Octubre Peru 2010 – 83min.

Filmkritik

Prozession und Prostitution

Filmkritik: Eduard Ulrich

Die Gebrüder Daniel (Regie) und Diego Vega (Drehbuch) bringen aus Peru ihren ersten Spielfilm mit, der mit wenigen Figuren eine magisch-fremde Welt erschafft. Ein kontur- und liebloser Egoist und eine üppige, feurige Gläubige werden zum gegenseitigen Prüfstein, ob sie die Chance ihres Lebens nutzen. Die Jury in Cannes vergab dafür den Preis der Rubrik "Un Certain Regard".

Pfandleiher Clemente geht auf die 40 zu, aber viel hat er nicht erreicht. Schon sein Vater war Pfandleiher, so hat er einmal das Geschäft übernommen, weitere Veränderungen scheint es nicht gegeben zu haben - auch nicht privat. Tagaus tagein empfängt er in seiner bescheidenen Wohnung arme Schlucker, denen gerade wieder mal das Geld ausgegangen ist. Sein karges Frühstück nimmt er zu Hause ein, sonst isst er in billigen Restaurants, häufiger noch ist er im nahegelegenen Puff. Ein Mann ohne Ambitionen und Hobbys, ohne Freunde und Familie. Doch der Oktober in Lima ist der Monat des Wundergottes.

Die Ungebildeten - das sind in Lima viele - huldigen ihm in endlosen Prozessionen, mit Opfergaben und Ritualen. Er hat die Macht, dein Leben zu verändern. Du musst ihn dir nur gewogen machen. So lautet das Credo, und keine glaubt fester als Sofia, die nicht einmal lesen und schreiben kann. Sie kennt Clemente, sie wohnt in der Nähe, aber sie braucht nicht sein Geld, denn sie hält sich selbst über Wasser, auch wenn sie nicht viel hat. Sie bräuchte vielleicht seine Liebe, wenn er denn eine hätte. Viel Zeit hat sie nicht mehr, sie hat die 35 schon überschritten, aber Clemente ist nicht wählerisch, wie man sieht, wenn er bezahlt, jetzt ist sie noch attraktiver als die käufliche Konkurrenz. Sie wär gratis - ein Aspekt, der für Clemente wichtig ist, da er in sein Schema der Ökonomie des Lebens passt. Der Oktober ist der Monat der Wunder, vielleicht reicht Sofia die Zeit dieses Monats und das Wunder der Herzen geschieht, doch Clemente ist nicht gläubig.

Karg und streng wie das Leben Clementes und Sofias sind auch die Bilder, manchmal scheint ihnen fast die Farbe zu fehlen. Sogar die bombastischen Prozessionen können nicht dagegen anmarschieren, weil die Gewänder pechschwarz sind, die alle tragen müssen. Schwarz ist die Farbe des Oktobers. Wenn die Musik der Prozessionen eine Farbe hätte - auch sie wär schwarz. Schwarz ist das Schicksal Clementes und Sofias, schwarz wär der Humor, wenn sie einen hätten. Viel zu lachen hat ohnehin niemand, nur manchmal das Publikum. So wird der Film zum schwarzen Wunder - und bleibt ein Rätsel.

19.10.2010

3

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