Die Frau, die singt Kanada 2010 – 133min.

Filmkritik

Incendies

Filmkritik: Eduard Ulrich

Der Frankokanadier Denis Villeneuf zeigt in einer gewaltigen, generationenübergreifenden Konstruktion, wie der Bürgerkrieg eines arabischen Landes aus heiterem Himmel in das Leben von im Westen aufgewachsenen Zwillingen eindringt. Dass nicht alle SchauspielerInnen dem legendären Stoff wirklich gewachsen sind, muss man ihm verzeihen.

Wenn jemand aus einem anderen Kontinent nach einer Flugreise mit einer Augenbinde auf einer Couch sitzt, wird er wohl vom Jetlag geplagt. Die Zeitverschiebung, von der Simon geplagt wird, entspricht allerdings seinem Alter. Und, was er hier nicht sehen darf, ist das Gesicht eines Kommandanten, der damals im Bürgerkrieg ein Waisenhaus niedergebrannt hatte.

Diese Szene ist symptomatisch für Denis Villeneuves Verfilmung eines Werkes von Waidj Mouawad, seines arabischstämmigen Landsmanns, der wohl weniger auf eine wahre Begebenheit aus seinem eigenen Kulturgut zurückgriff als sich vielmehr im Fundus der griechischen Sagen bediente. Denn einer relativ banalen Rahmenhandlung steht eine hochdramatische und äußerst tragische Lebensgeschichte einer Frau gegenüber, die in ausschweifenden Rückblenden ausgezeichnet besetzt und inszeniert erzählt wird.

Ein Zyniker könnte sagen, dass gerade die häufigen Bürgerkriege in arabischen Ländern den Vorteil böten, dass man keine Kulissen aufbauen müsse, um scheinbar an Originalschauplätzen drehen zu können; unterm Strich wirken diese Szenen, die den Löwenanteil bestreiten, jedenfalls erschreckend authentisch. Immerhin verzichtet Villeneuve auf sensationslüsterne Bilder der schlimmsten Verbrechen, aber die Vorstellung, welche die Ellipsen ergänzt, wirkt oft härter. Diesem in jeder Hinsicht starken Tobak kann wohl niemand ein realistisches Gegengewicht aus einer modernen Industriegesellschaft an die Seite stellen - nur: Die szenischen Übergänge von der einen in die andere Welt könnten elegant und konsequent statt holprig und unentschieden sein.

Wenn dann noch die Qualität der Besetzung im gegenwärtigen Teil gegenüber dem vergangenen abfällt, wird das Ungleichgewicht noch betont. Kommt hinzu, dass die mathematische Grundierung gekünstelt wirkt, wird doch die als begabte Uni-Assistentin charakterisierte Zwillingsschwester Jeanne nie einschlägig gefordert, und ihr Bruder Simon bleibt gänzlich blass, man erfährt nicht einmal, was er beruflich macht. Das tut der Hauptgeschichte glücklicherweise keinen Abbruch, und die Erzählstruktur mit ihren zwei Rückblendungsebenen wird virtuos zur entsetzlichen Auflösung geführt.

24.10.2014

4

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Kommentare

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NoraAnna

vor 4 Jahren

One of the most excellent and upsetting films I've ever seen. I must.


Barbarum

vor 8 Jahren

Dramatisch und aufwühlend, dazu mit zum Teil hervorragender Kameraarbeit.


remow

vor 10 Jahren

Hervorragender Film, der voll unter die haut geht. Wenn ich in den Nachrichten von Gewalt im Nahen Osten höre, dann berührt mich dies kaum mehr. Der Film hat mir die Realität wieder näher gebracht.


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