CH.FILM

Hugo Koblet - Pédaleur de charme Schweiz 2010 – 97min.

Filmkritik

Giro di nostalgia

Patrick Heidmann
Filmkritik: Patrick Heidmann

Seine Weltpremiere am Filmfestival von Locarno auf der Piazza Grande zu feiern, steht jedem Film gut zu Gesicht. Im Falle von Hugo Koblet hat der Ort jedoch noch eine ganz spezielle Bedeutung: Die Schweizer Radsportlegende hier während des Giro d'Italia 1950 den Grundstein für seinen internationalen Ruhm gelegt.

Den Aufstieg vom Bäckersohn und Lausbub aus einem Züricher Arbeiterviertel zum gefeierten Nationalhelden, der Anfang der 1950er Jahre in der Schweiz einen regelrechten Radsportboom auslöste, erzählt Regisseur Daniel von Aarburg in einer Mischung aus Zeitzeugenberichten, Archivmaterial und nachgespielten Szenen. Konventionell chronologisch geht es dabei von der Jugend bis zu seinem tödlichen, möglicherweise bewusst selbst verschuldeten Autounfall im Alter von nur 39 Jahren.

Nicht nur bei den sportlichen Erfolgen lässt von Aarburg die Sorgfaltspflicht walten, auch alle anderen Bestandteile des Mythos Koblet finden ihren Platz in seinem Film. Die womöglich allzu enge Bindung an seine Mutter wird ebenso gezeigt wie Koblets Marotte, sich nach der Zieleinfahrt als erstes fürs Siegerfoto zurechtzumachen. Natürlich lässt es sich der Film auch nicht entgehen, immer wieder die Wirkung Koblets (in Spielszenen verkörpert von Manuel Löwensberg) auf die Frauen ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, sei es im Falle von schmachtenden Fans, aufmerksamen Kellnerinnen oder seiner kurzzeitigen Verlobten, der österreichischen Schauspielerin Waltraud Haas.

Daran, den bis heute verehrten Sportler von seinem Sockel zu holen, ist "Hugo Koblet - Pédaleur de charme" allerdings zu keinem Zeitpunkt gelegen, und so bleibt die Inszenierung nicht nur hinsichtlich der sinnlichen Lebensfreuden meistens auffallend brav. Auch das Thema Doping wird von allen Beteiligten eher zögerlich angegangen, so dass die Frage, wie bewusst sich Koblet selbst mit seinem verantwortungslosen, damals allerdings noch nicht verbotenen Umgang mit Amphetaminen auseinandersetzte, nicht allzu lautstark gestellt wird.

Stark ist der Film an anderen Stellen. In den technischen Bereichen etwa, denn nicht nur sind die Spielszenen wunderbar sorgfältig ausgestattet und die Bild- und Tonqualität der Archivaufnahmen überdurchschnittlich gut, sondern auch von Aarburgs Montage der unterschiedlichen Stilelemente erfreulich elegant. Und als heimliche Stars des Films entpuppen sich am Ende Koblets ehemalige Wegbegleiter und Konkurrenten wie Ferdy Kübler, die den Kollegen um so viele Jahre überlebt haben und sich nun als alte Männer an die gute alte Zeit erinnern. Ihnen gönnt man diese schwärmerische Nostalgie aus vollem Herzen. Von "Hugo Koblet - Pédaleur de charme" hätte man sich dagegen manchmal etwas mehr kritische Distanz und Mut gewünscht.

15.09.2010

3

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

Tobias10007

vor 9 Jahren

Finde den Film hochaktuell. Ein feingesponnener Hochbegabter leidet unter dem frühen Tod des alkoholkranken Vaters, hat ein viel zu Enge Mutterbindung und will seine Unsicherheit als Mann mit Erfolg sich sichern. Das gelingt nicht. Die vielen Frauen, welche für Ihn schwärmen sind immer wieder nur ein Spiegel der Mutter, welche ihn mit "Affenliebe" unreif liebt. Sein Pech ist, dass er viel zu spät auf den Boden kommt und dann fast keine Zeit mehr hat zu reifen. Der Film zeigt aber den Spannungsbogen finde ich sehr gut. Der wertvolle, gefühlvolle Koblet mit Charme und Begabung, der wohl bis Roger Federer am meisten internationales Sportcharima hatte und der unreife, verletzte Mensch, der an den ersten Schwierigkeiten zerbricht.Mehr anzeigen


Tobias10007

vor 9 Jahren

Finde den Film hochaktuell. Ein feingesponnener Hochbegabter leidet unter dem frühen Tod des alkoholkranken Vaters, hat ein viel zu Enge Mutterbindung und will seine Unsicherheit als Mann mit Erfolg sich sichern. Das gelingt nicht. Die vielen Frauen, welche für Ihn schwärmen sind immer wieder nur ein Spiegel der Mutter, welche ihn mit "Affenliebe" unreif liebt. Sein Pech ist, dass er viel zu spät auf den Boden kommt und dann fast keine Zeit mehr hat zu reifen. Der Film zeigt aber den Spannungsbogen finde ich sehr gut. Der wertvolle, gefühlvolle Koblet mit Charme und Begabung, der wohl bis Roger Federer am meisten internationales Sportcharima hatte und der unreife, verletzte Mensch, der an den ersten Schwierigkeiten zerbricht.Mehr anzeigen


nestor

vor 10 Jahren

Die gespielten Einlagen sind peinlich und werden der Person in keinster Weise gerecht. Sehr gut sind die alten Filmausschnitte


Mehr Filmkritiken

Greenland

Elise und das vergessene Weihnachtsfest

Dark Waters - Vergiftete Wahrheit

La bonne épouse