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GURU - Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard Indien, Schweiz, USA 2010 – 98min.

Filmkritik

Nah- und Bestandesaufnahme des Bhagwa(h)nsinns

Filmkritik: Eduard Ulrich

Wenige spirituelle Bewegungen haben im Westen derart viel Aufsehen erregt wie diejenige der Sannyasins. Sabine Gisiger und Beat Häner beleuchten deren Hauptfigur und dringen mit vielen lebendigen Archivaufnahmen und zwei zentralen Zeitzeugen zum Kern ihres Wesens vor.

Das Leben und Sterben Bhagwans weist unübersehbare Parallelen zu demjenigen Michael Jacksons auf. Da zieht einer mit seinem Talent die Massen an und eine erfolgreiche Erleuchtungssupermarktkette auf, endet aber nach einer Clown-Guru-Phase viel zu früh mit 58 Jahren, völlig verbraucht, Rausch- und Beruhigungsmitteln verfallen, als krimineller Religionsunternehmer. Welche Frage liegt hier näher als: Was lief schief? Und wer könnte die besser beantworten als zwei, die schon früh im Zentrum der Macht agierten und den Untergang hautnah miterlebten?

Die Inderin Sheela Ambalala Patel stammt aus einer kinderreichen Familie, schließt sich mit 22 Jahren der Bewegung an und wird mit 30 Bhagwans rechte Hand. Der Schotte Hugh Milne wächst in einfachen Verhältnissen auf und fühlt sich schon früh ausgeschlossen, weil seine jüngeren Zwillingsbrüder immer gemeinsame Sache gegen ihn machen. Er gesellt sich mit 25 zur Bewegung und steigt rasch zum Leiter des Sicherheitsdienstes und Bhagwans Leibwächter auf.

Beide schildern ihre Erlebnisse und Eindrücke, ihre Gefühle und Motive unabhängig voneinander, wirken aber je länger desto mehr als Kronzeugen in einem imaginären Prozess, der dem Häuptling posthum gemacht wird. Das dramaturgische Konzept ist dabei so einfach wie wirkungsvoll: Waren die beiden anfangs ein Herz und eine Seele, so sind sie gegen Ende Lichtjahre voneinander entfernt und ihre Einschätzungen werden wie These und Antithese gegeneinander geschnitten, dass die Luft im Saal vor Spannung knistert.

Die dritte Position in diesem indirekten Schlagabtausch nehmen die Filmausschnitte von Auftritten Bhagwans in der Öffentlichkeit, aber auch von internen Begebenheiten ein. Ihre geringe technische Qualität wird durch ihren hohen Informationsgehalt mehr als aufgewogen. Das Publikum kann deshalb bis zu einem gewissen Grade die Rolle der Geschworenen einnehmen und sich ein eigenes Urteil bilden. Nach "Do It" und "Gambit" setzt Gisiger wiederum konsequent auf den persönlichen Fokus. Das zahlt sich aus, das Publikum lernt die beiden Gewährsleute kennen und kann bald die Qualität ihrer Wertungen einstufen.

10.05.2010

5

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Kommentare

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neesli

vor 11 Jahren

Eine gut gelungene und spannende Geschichte die neugierig nach mehr macht. Einziger Nachteil: nicht alle Fragen werden beantwortet.


smallsoldier

vor 11 Jahren

Sehr interessante und informative Geschichte aus dem Umfeld Bhagwans. Meiner Meinung nach bleiben aber viele Fragen unbeantwortet, wodurch ich ein etwas unbefriedigtes Gefühl beim Verlassen des Kinos hatte.


Gelöschter Nutzer

vor 11 Jahren

Ein fesselndes Portrait eines Verführers zwischen Genialität und Scharlatanerie, zwischen spiritueller Avantgarde und totalitärem Wahn. Eine Dokumentation, die zeigt wohin es letztlich führt, wenn Menschen auf ihren 'common sense' verzichten.
Ein eminent politischer Film.


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