Tokyo Sonata Japan, Niederlande 2008 – 119min.

Tokyo Sonata

Filmkritik

Die Kunst, das Gesicht zu wahren

Jörg Hüssy
Filmkritik: Jörg Hüssy

Der japanische Regisseur Kiyoshi Kurosawa erzählt in «Tokyo Sonata» ein dichtes Drama über Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeit, sie zu kommunizieren. Die Geschichte ist in einer mittelständischen Kleinfamilie in Tokio angesiedelt. Aus heiterem Himmel verliert der Familienvater Ryuhei Sasaki seine Stelle als leitender Administrator in einem Grossunternehmen. Das verschweigt er Frau und Kindern, um sein Gesicht zu wahren und seine Autorität aufrechtzuerhalten.

Kiyoshi Kurosawa ist - im Gegensatz zu seinem Namensvetter - ein im Westen noch ziemlich unbekannter Regisseur. In «Tokyo Sonata» wendet er sich vom Genre seiner früheren Werke, die dem sogenannten J-Horror-Film nahe standen, ab und inszeniert ein durchkomponiertes Drama. Dreh- und Angelpunkt des Films ist das Zuhause der Familie Sasaki. Megumi Sasaki erwartet dort die Rückkehr ihres Mannes und ihrer Kinder und heisst sie willkommen, worauf diese mit «ich bin da!» antworten. Diese immer wiederkehrenden ritualisierten Begrüssungsszenen strukturieren den Film. An den minimalen Abweichungen sind die Veränderungen in der Lebenssituation der einzelnen Familienmitglieder ablesbar.

Was als stimmige Milieustudie beginnt, endet dann aber stark überzeichnet. Die Schicksale der vier Familienmitglieder spitzen sich auf sehr unterschiedliche Konfliktsituationen zu. Nach seiner Entlassung verlässt der Vater weiterhin jeden Morgen das Haus, um zur vermeintlichen Arbeit zu gehen. Unfähig sich auf die neue Situation einzustellen, verliert er immer mehr den Boden unter den Füssen. Während der jüngere Sohn heimlich und gegen den Willen des Vaters Klavierstunden nimmt, meldet sich sein orientierungsloser älterer Bruder bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten. Über lange Zeit hinweg bleibt Megumi Sasaki der ruhende Pol im Familiengefüge. Doch auch sie wird vom «Schicksal» heimgesucht, als ein Einbrecher sie ent- und dann gleich auch noch verführt.

Mit «Tokyo Sonata» gelingt es Kurosawa die negativen Auswirkungen der New Economy anhand einer Kleinfamilie erfahrbar zu machen. Der Film lässt die Brüche erkennen, die heute in einer wohlstrukturierten und traditionsbewussten Gesellschaft, wie sie Japan darstellt, auftreten können. Der starke Autoritätsglaube, dem Ryuhei Sasaki anhängt und den er in seiner Familie auslebt, wird zusehends untergraben. «Tokyo Sonata» ist jedoch keineswegs nur düster. Kurosawa schafft es ihn mit komisch bis bizarren Nebenfiguren und Szenen aufzulockern. Hervorzuheben wäre hier der ungeschickte Einbrecher, der für schaurig-heitere Momente verantwortlich ist. Gespielt wird er vom bedeutenden japanischen Schauspieler Koji Yakusho («Babel»), der auf eine lange Zusammenarbeit mit Kiyoshi Kurosawa zurückblicken kann und in Filmen anderer wichtiger japanischer Regisseure wie Shohei Imamura oder Kon Ichikawa zu sehen war. «Tokyo Sonata» gewann den Prix de Jury am Festival de Cannes und den Grand Jury Prize am Chicago International Film Festival.

31.03.2009

4

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