Die Strände von Agnès Frankreich 2008 – 110min.

Die Strände von Agnès

Filmkritik

Neue und alte Wellen

Flavia Giorgetta
Filmkritik: Flavia Giorgetta

Würde man sie öffnen, sagt die Regisseurin Agnès Varda zu Beginn ihrer autobiografischen Skizze "Les plages d'Agnès", fände man Strände in ihr. Das Meer, der Sand, der Wind: Sie prägten die Frau, die zu den Grossen des Kinos gehört.

Agnès Varda sah sich zu Beginn ihrer Karriere keineswegs als Cinephile - sie behauptet gar, erst ein Dutzend Filme gesehen zu haben. Wenn sie auch das Kino noch nicht liebte, wurde es ihr doch Mittel, ihr wohlwollendes Interesse an Menschen auszudrücken. In "Cléo de 5 à 7" (1962) zeigt sie in Realzeit zwei Stunden im Leben einer Frau, die eine Krebserkrankung fürchtet; in "Sans toit ni loi" feierte Sandrine Bonnaire 1985 als Landstreicherin den Durchbruch als Schauspielerin.

Wenn Varda nun ihr Leben(swerk) resümiert, dominieren ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Einmal bricht ihre Stimme: In Avignon stellt die einst zur Fotografin ausgebildete Bilder von verstorbenen Freunden aus. Überlebensgross hängen sie da und gemahnen an die Sterblichkeit - "wie waren sie doch jung und schön". Alte Filmaufnahmen zeigen ihren Lebensgefährten, den Regisseur Jacques Demy ("Les parapluies de Cherbourg"), der 1990 an Aids starb. "Ich erinnere mich, während ich lebe", sagt Varda ohne jede Sentimentalität.

1928 in Brüssel geboren, flüchtete sie mit der Mutter und ihren vier Geschwistern nach Sète im französischen Languedoc, wo die Familie auf einem Hausboot lebte. Varda besucht das Haus ihrer Kindheit in Brüssel, sieht vergangene Szenen vor ihrem inneren Auge, aber hat, so behauptet sie, keine emotionalen Erinnerungen. Sowieso die Kindheit: Sie sei ihr nie Inspirationsquelle gewesen. Dennoch stellt Varda kleine Episoden von damals nach. Mädchen spielen Himmel oder Hölle, ein Exhibitionist lässt sie kalt. Und immer wieder blendet sie alte Fotos ein, die das Verstreichen der Zeit verdeutlichen. Nur der Strand, so Varda, kennt kein Alter. Hier werden Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft eins.

Agnès Varda ist eine Grosse des Kinos, und sie hat die Grossen gekannt. Doch ihr Filmessay wirkt bescheiden, ehrfürchtig dem Leben gegenüber. Sie stellt Spiegel am Strand auf, die ihre Equipe zeigen, während sie ihre Vergangenheit reflektiert. Die Filme, die Liebe, ihre beiden Kinder, ihre zehn Jahre in den USA, die sie den Mai 68 in Paris verpassen liessen (stattdessen drehte sie einen Dokumentarfilm über die Black Panthers und demonstrierte gegen den Vietnamkrieg). Entstanden ist weit mehr als ein Selbstporträt: ein poetisches, sanftes Werk über Liebe und Vergänglichkeit - Vardas Dank an das Leben.

06.09.2010

4

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Kommentare

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simpsonb

vor 9 Jahren

Agnes Varda zeigt ein Puzzle aus Erinnerungen, Fotos, nachgestellten Szenen, Zusammenkünfte alter Freunde. Zusammen ergibt das eine Hommage an das Leben, die Liebe, das Kino. Wunderschön.


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