Anonyma - Eine Frau in Berlin Deutschland 2008

Filmkritik

Zwischen Pragmatismus und Verzweiflung

Patrick Heidmann
Filmkritik: Patrick Heidmann

Nach dem «Baader Meinhof Komplex» und «Krabat» folgt mit «Anonyma - Eine Frau in Berlin» die nächste hochkarätige Literaturverfilmung aus deutscher Produktion. Die Erinnerungen einer namenlosen Journalistin an die Wochen nach dem Einmarsch der Russen ins Berlin von 1945 wurden nach einer ersten Veröffentlichung in den fünfziger Jahren, 2003 zum Bestseller - und Regisseur Max Färberböck («Aimée & Jaguar») orientiert sich an dieser Vorlage sehr genau.

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs marschiert die Rote Armee in der halb zerstörten deutschen Hauptstadt ein. Frauen wie Anonyma (Nina Hoss) und ihre Freundinnen kämpfen ums Überleben, während die Vergewaltigungen durch russische Soldaten ihnen den Alltag zur Hölle machen. Doch die gebildete Frau, deren Lebensgefährte noch an der Ostfront kämpft, ist nicht gewillt, sich zum Opfer machen zu lassen. Lieber sucht sie sich einen Beschützer, den sie freiwillig in ihr Bett lässt, damit keiner seiner Kameraden es wagt, sich weiter an ihr zu vergehen. Tatsächlich baut sie zu dem feinsinnigen Offizier Andrej (Evgeny Sidikhin) eine Beziehung auf, die über reine, vom Überlebenswillen gesteuerte Zweckhandlungen hinaus geht und sogar einen Anflug von Gefühlen zulässt.

Nina Hoss, eine schauspielerische Naturgewalt, ist auch in dieser Rolle ganz hervorragend. Zwischen kaltem Pragmatismus und traumatischer Verzweiflung findet diese Frau ihre Stärke, was Hoss in jedem Moment spürbar macht, ohne sich dem Zuschauer anzubiedern. Mit Ulrike Krumbiegel, Irm Hermann, August Diehl, Juliane Köhler oder Jördis Triebel stehen ihr exzellente Kollegen zur Seite, die für sich genommen «Anonyma» schon sehenswert machen. Dass Regisseur Färberböck zudem erkennbar bemüht ist, allzu simple Schwarzweißmalerei zu vermeiden und den Charakteren Vielschichtigkeit zu verleihen, ist dem Gelingen des sorgfältig ausgestatteten Films ebenfalls zuträglich.

Umso erstaunlicher ist es, dass «Anonyma - Eine Frau in Berlin» nie die emotionale Eindringlichkeit entfaltet, die man erwarten würde. Schuld daran trägt eindeutig die Inszenierung, die sich allzu oft zwischen alle Stühle setzt.

Einerseits konzentriert sich die Kamera (verantwortlich: Benedict Neuenfels) ganz subjektiv auf die Perspektive der Frauen, gleichzeitig bemüht sich der Film permanent, eine gewisse chronistische Distanz in der Erzählhaltung aufrechtzuerhalten. Je mehr aber der Film seinen anfangs so bemerkenswert unsentimentalen Blick vom entsetzlichen Alltag der Frauen mitsamt der Vergewaltigungen abwendet und auf die Beziehung zwischen Anonyma und Andrej richtet, desto mehr neigt er sich Richtung Melodram - und findet die eigene Balance nicht wieder.

05.11.2008

3

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