My Blueberry Nights China, Frankreich, Hongkong 2007 – 111min.

My Blueberry Nights

Filmkritik

Fliessendes Licht und Neonschriften

Andrea Lüthi
Filmkritik: Andrea Lüthi

Ein betörender Soundtrack und narkotische, schwebende Bilder in grellen Farben und Neonlicht: Wong Kar-Wai siedelt seinen Film erstmals in den USA an und vermag auch hier eine magische Atmosphäre heraufzubeschwören.

Von Hongkong hat sich Wong Kar-Wai vorübergehend verabschiedet. Sein Roadmovie setzt ein im hektischen New York - einer Stadt aus buntem Licht, Neonschriften und Zügen, die wie Farbkometen durch die Nacht flitzen. Hier führt Jeremy (Jude Law) ein Café, in dem es immer turbulent zu und her geht. Mitten in das Treiben platzt Lizzy (charmant: Norah Jones) mit ihrem Liebeskummer. Den Wohnungsschlüssel ihres untreuen Freundes möchte sie gleich im Café hinterlassen. Er landet in einem Glas, gefüllt mit vielen weiteren Schlüsseln. Hinter jedem stecke eine traurige Liebesgeschichte, erzählt Jeremy. Und er erzählt Lizzy auch vom Heidelbeerkuchen, der jeden Tag unangetastet bleibt. Von da an kehrt Lizzy immer wieder ins Café zurück, isst Heidelbeerkuchen, und während Jeremy aufräumt, schläft sie, den Kopf auf dem Tresen.

Dann aber reist sie plötzlich ab, und Jeremy erhält Postkarten aus Memphis, aus der Wüste Nevada und Las Vegas. Lizzy begegnet einem trinkenden Polizisten, der seine Ex-Frau immer noch abgöttisch liebt oder einer Spielerin (Natalie Portman), die ihren todkranken Vater nicht besuchen will. Und eines Tages steht sie plötzlich wieder in Jeremys Café.

Kratzer und Schmutz, Schriftzüge auf den Fensterscheiben und reflektierendes Licht verleihen den grobkörnigen Bildern eine aussergewöhnliche Ästhetik. Oft ins orange-rote Licht der Bars getaucht, durch Glas gefilmt, haftet den Figuren bisweilen etwas Traumhaftes an. Viele Bildkompositionen liessen sich einzeln als Gemälde herauslösen: Da spielt Wong Kar-Wai mit Komplementärfarben, vorwiegend mit Rot und Grün, oder aber er schafft monochrome Bilder, wo Hautfarbe, Kleidung und Hintergrund aufeinander abgestimmt sind.

Langsame Überblendungen, Detailaufnahmen von schmelzendem Eis auf Beerenkuchen, Zeitlupe - der Regisseur zieht alle Register an filmischen Möglichkeiten. Farben und Lichter fliessen durch die Montage ineinander, und die oszillierende Atmosphäre wird unterstützt durch den brillanten Soundtrack (Norah Jones, Otis Redding, Ry Coder u.a.). Hier finden sich sogar motivische Anknüpfungen an den Soundtrack von "In the Mood for Love", wenn Lizzy tieftraurig an die glückliche Zeit mit ihrem Freund zurückdenkt.

Auf einer weiteren Ebene spielt Wong Kar-Wai mit Symbolen: Türen, die sich hinter geliebten Menschen schliessen, vergessene Schlüssel, defekte Türschlösser verweisen immer wieder auf die Tatsache, dass das Leben ein ständiges Abschiednehmen von Geliebtem ist.

Man trauert vielleicht noch ein wenig Wong Kar-Wais Hongkong und dessen Sinnlichkeit und Poesie nach. Dennoch: Ein typischer Hauch Melancholie umgibt auch diesen Film, der in einen fast rauschhaften Zustand versetzen kann.

14.12.2011

5

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Kommentare

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arjello

vor 6 Jahren

Ein wunderbares Kunstwerk.


movie world filip

vor 7 Jahren

charmant aber von wong kar-wai erwartet man mehr... coole atmosphäre wie immer bei ihm


Gelöschter Nutzer

vor 10 Jahren

Schöne Bilder und schöner Schauspieler, jedoch eine wenig überzeugende Norah Jones und wenig überzeugende Story.


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