CH.FILM

Marmorera Schweiz 2007 – 108min.

Marmorera

Filmkritik

Stausee-Spuk made in Switzerland

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Den Mystery-Stoff um den Stausee von Marmorera verfilmte Routinier Markus Fischer. Ein ansehnliches Ensemble um Anatole Taubman und Mavie Hörbiger bemüht sich eifrig, die Spannung in diesem Schweizerdeutschen Mystery-Thriller hoch zu halten. Allein, es bleibt bei dem redlichen Bemühen.

Zürich brauchte Strom, und so wurde 1954 kurzerhand - gegen entsprechende Batzen für die Bündner Bevölkerung - ein Dorf versenkt. Marmorera verschwand im Stausee. Seither ranken sich Legenden und Gerüchte um diesen Flecken. Die Kirchturmspitze soll sich bei Niedrigwasser zum Himmel recken. Wer's glaubt und je sah... Und so fängt alles ganz harmlos an. Der Zürcher Psychiater Simon Cavegn sucht mit seiner jungen Frau Paula den Ort der Grosseltern auf: Marmorera. Das ursprüngliche Dorf hat sein Grab im Stausee gefunden. Danach haben sich merkwürdige Dinge zugetragen, erzählt man sich. Städter Cavegn hält das für Humbug. Doch schon bei seiner Ankunft wird er mit einer Frau aus dem See konfrontiert. Die Unbekannte, anscheinend ertrunken, erwacht wieder zum Leben. Stumm, geheimnisvoll, feenhaft. Der Heimweh-Bündner Cavegn nennt sie Julia.Die aus dem See gefischte Frau scheint an einem Kaspar-Hauser-Syndrom zu leiden, erweist sich dann aber als eine Nixe, die eine unheimliche Affinität zum Wasser und phänomenale telekinetische Fähigkeiten entwickelt. Sie scheint - das wird den Zuschauern bald einmal klar, aber nicht dem Zürcher Seelendoktor - eine See-Sirene, eine Abgesandte der Vergangenheit zu sein, welche die Gegenwart zu verschlingen droht. Julia - man merke: so heisst auch das Flüsslein, das in den Marmorersee fliesst - wird zum Sinnbild einer sich rächenden Natur. Simon Cavegn ist der Verführte, der an der Geheimnisvollen irre wird: das letzte Opfer in einer Opferkette. Schicksalhaft, unabwendbar, abgründig wird er in ihren Bann gezogen. Halb zog sie ihn, halb sank er hin...

Ein Dorf und Tal wurden dem Energieprojekt geopfert. Der Bündner Stausee Lai da Marmorera (Kronenlänge: 40m, Fassungsvermögen: 60 Mio Kubikmeter) spielt die entscheidende Rolle im Mystery-Thriller. Auf dem Nebenschauplatz Zürich schlägt die Elektrizität zu und treibt mörderische Blüten. In seinem Buch «Marmorera» (Cosmos-Verlag), das quasi parallel zum Filmdrehbuch entstand, verknüpft der 39-jährige Autor Dominik Bernet geschickt historischen Hintergrund, Spekulationen und Fantasie. Markus Fischer (Produzent, Co-Autor und Regisseur) geht bei der Verfilmung mit Engagement, freilich auch etwas drastisch und bieder zu Wege. Gelinde gesagt, merkwürdig mutet beispielsweise die Schwimm-Einlage der Limmat-Nixen an. Man sieht bekannte Gesichter in Opferrollen (Mathias Gnädinger, Ueli Jäggi, Patrick Frey, Stefan Gubser). Auch Markus Fisher gönnt sich einen kleinen Auftritt als Dr. Carl. Mavie Hörbiger spielt gewohnt naiv-unschuldig Cavegns Ehefrau, die zur Tatenlosigkeit verdammt ist. Der Schweizer Anatole Taubman, erstmals in einer Schweizer Kinohauptrolle, überzeugt als neugieriger Psychiater mit dem Nixensyndrom. Der wahre Star des Films ist freilich die belgische Tänzerin Eva Dewaele (Hauptrolle in Fischers Tanzperformance «Passengers»). Sie geistert wie eine überirdische Nixe in einem atmosphärischen Psychomärchen. Ein solider Schweizerdeutscher Spuk - ansehnlich zwischen Heimatlegende und Psychodrama.

22.03.2007

3.5

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Kommentare

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mellover

vor 9 Jahren

Hab mir den Film gestern auf SF angeschaut und war positiv überrascht. Im Gegensatz zu vielen anderen CH-Filmen bietet dieser einiges an Spannung (obwohl einige Szenen z. T. au ziemlich schräg sind) und den Schluss hätte ich mir natürlich auch anders gewünscht; -)


buergipa

vor 9 Jahren

Alles in allem ein guter Film, den ich als sehenswert bezeichnen würde. Neben der schönen Kulisse und den teils überzeugenden Schauspielern muss man allerdings über gewisse Unstimmigkeiten hinwegsehen, die kein internationales Niveau haben. Die Trickeffekte wirken unecht und/oder überzeichnet, die Auto-Stunts schlicht lächerlich (z. B. die blockierenden Hinterräder bei der Vollbremsung wegen dem Eichhörnchen. Da hat einer zusätzlich die Handbremse gezogen, damit's spektakulärer aussieht). Ein lustiger Mix, ein Schuss Heimat, ein Schuss Horror-Mytery, ein Schuss Erotik, ein Schuss Action, das ganze liebevoll angerührt. Mit CH-Bonus ein guter Film.Mehr anzeigen


raffi44

vor 10 Jahren

ich fand den Film genügend.


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