Les murs porteurs Frankreich 2007 – 92min.

Filmkritik

Verwerfungen der Zeit

Filmkritik: Cindy Hertach

Einfühlsames, aber über weite Strecken etwas langatmiges und trübsinniges Porträt einer Pariser Familie, die durch die Demenz der Grossmutter wieder zusammenfindet.

Frida Rosenfeld (Shulamit Adar) ist 75 und dement. Um ihren längst verstorbenen Ehemann zu finden, sucht sie in Phasen geistiger Verwirrung die Orte ihrer Jugend auf. Regelmässig muss die alte Aschkenasim deshalb von ihren erwachsenen Kindern Judith (Miou-Miou) und Simon (Charles Berling) aus ihrer einstigen Wohnung an der Rue Turenne im Pariser Marais-Quartier geholt werden. Mit der zunehmenden Demenz ihrer Mutter konfrontiert, beginnen sich Tochter und Sohn mit der eigenen Gegenwart auseinanderzusetzen.

Judith, alleinstehend und im mittleren Alter, bringt es nicht fertig, ihren Sohn loszulassen - auch als dieser schon längst in eine eigene Wohnung gezogen ist. Ihr jüngerer Bruder Simon, ein erfolgreicher Autor, hat dagegen den Zugang zu seiner halbwüchsigen Tochter, die bei seiner Exfrau lebt, schon längst verloren und bekundet gleichzeitig Mühe, sich von seiner alten Mutter abzunabeln. Als dysfunktional erweist sich auch die Beziehung der beiden Geschwister, die sich, so scheint es, vor langer Zeit entfremdet haben. Während sich Fridas Zustand verschlechtert und sie nicht mehr nur die Vergangenheit und Gegenwart durcheinander bringt, sondern ausschliesslich noch in der Erinnerung ihrer Ehejahre zu leben scheint, besinnen sich die einzelnen Mitglieder langsam wieder auf die Bedeutung und Stärke ihre Familiebanden.

Der junge Franzose Cyril Gelblat verwebt die Vergangenheit und Gegenwart einer jüdischen Pariser Familie zu einem komplexen Porträt, das zwar das Elend des Alterns und der Demenz im Vordergrund stellt, im Hintergrund aber die Persönlichkeiten und Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder analysiert und auf die Problematik generationenübergreifender Verhaltensmuster verweisen möchte. Solide und mit ruhiger Hand inszeniert sowie von einem hervorragenden Schauspieler-Ensemble getragen, ist dem Film die nachdrücklich betonte Ernsthaftigkeit seiner Themen - Leben und Tod, Selbstfindung, Elternschaft, Erinnerung, Vergessen und Verzeihen und nicht zuletzt auch der Holocaust - nicht immer zuträglich. Eine Prise Leichtigkeit hätte den Blick auf den Facettenreichtum des Lebens und Menschseins vervollständigt. Und auch die Schlussfolgerung, dass die Familie die wohl beste aller sozialen Organisationsformen ist, fällt im Vergleich zur differenzierten Analyse innerfamiliärer Beziehungen relativ eindimensional aus.

21.01.2021

3

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