In den Süden Frankreich 2006 – 107min.

Filmkritik

Liebesferien auf Haiti

Filmkritik: Cindy Hertach

Mit seinem neuen Film gelingt dem französischen Regisseur Laurent Cantet eine sozialkritische und differenzierte Auseinandersetzung mit einem heiklen Thema: den so genannten Liebesferien in Drittweltländern. Cantet entwirft das einfühlsame und vielschichtige Porträt zweier Frauen, die, auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, als Sex-Touristinnen die Karibik bereisen.

Haiti, Anfang der 80er Jahre. Trotz politischer Wirren ist die tropische Insel eine beliebte Destination für Reisende aus Europa und den USA. Es sind besonders ältere Touristinnen, die diesen paradiesischen Ort aufsuchen und sich, berauscht von der allgegenwärtigen Schönheit dunkelhäutiger Männerkörper und der ungezwungenen Atmosphäre am Strand, auf Affären mit jungen Haitianern einlassen, deren amouröse Dienstleistungen sie mit etwas Geld oder kleinen Geschenken entlöhnen. Obwohl das Verhältnis zwischen den Männern und ihren Kundinnen von einem - zumindest vordergründig - sozialen Hierarchiegefälle geprägt ist, gelingt es Laurent Cantet sehr einfühlsam aufzuzeigen, dass jene Liebesabenteuer von einer emotionalen Komplexität sind, wie man es von einer Freier-Prostituierten-Beziehung gemeinhin nicht erwarten würde. Gegenseitige körperliche Anziehung und Zuneigung lösen das Machtgefälle zeitweise auf, die Rolle des Herrschenden bzw. des Beherrschten lässt sich im Verlauf des Films immer weniger eindeutig bestimmen.

Erzählt wird die Geschichte von Legba (Ménothy Cesar), einem jungen Haitianer, der seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf seines Körpers an ältere, liebesbedürftige Touristinnen bestreitet. Eine dieser Frauen ist die forsche Mittfünfzigerin Helen (Charlotte Rampling), die bereits seit Jahren Umgang mit Legba pflegt und nun eifersüchtig beobachten muss, wie sich die scheue und um einige Jahre jüngere Amerikanerin Brenda (Karen Young) intensiv um die Gunst des jungen Mannes bemüht. Beide Frauen sind wild entschlossen, ihre romantischen Gefühle in vollen Zügen auszuleben, und liefern sich schon bald einen unerbittlichen Konkurrenzkampf, welcher nicht nur von egoistischen Machtansprüchen, sondern auch von der verzweifelten Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit angetrieben wird. Die harte soziale Realität der haitianischen Politik und Gesellschaft wird den beiden Rivalinnen und ihrem jungen Liebhaber letztendlich aber einen Strich durch die Rechnung machen.

Laurent Cantet bricht mit seinem analytischen, aber niemals wertenden Blick auf die Touristinnen gleich mehrere gesellschaftliche Tabus: Es sind weisse, ältere Frauen, welche schwarze, junge Männer für sexuelle und emotionale Dienstleistungen bezahlen. Dies widerspricht dem geläufigen Stereotyp des männlichen Sex-Touristen, weshalb der Film den Diskurs über den neokolonialen Sex-Tourismus um eine wichtige, neue Dimension zu erweitern vermag.

31.07.2006

4.5

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Kommentare

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geraldoro

vor 13 Jahren

Wieder ein weiterer Film, den die Welt absolut nicht braucht. Was soll's, die Menschheit ist so was von borniert, dass sie das Gefühl hat, nicht ohne das Mitteilungsbedürfnis des Films auskommen zu können oder wollen! Dieser Film ist total nutzos für alles "Kommende"!!!


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