Takva - Gottesfurcht Deutschland, Türkei 2006 – 96min.

Filmkritik

Zittern vor Gott

Sarah Stähli
Filmkritik: Sarah Stähli

«Ich zittere am ganzen Körper, weil ich Angst habe zu versagen». Muharrem lebt in ständiger Angst, nicht zu genügen. Er lebt ein bescheidenes Leben als zölibatärer, frommer Junggeselle in einem traditionellen Viertel Istanbuls, streng nach den Geboten der islamischen Mystik, des Sufismus.

Spricht er nicht gerade mit Gott, dann spricht er vor allem mit sich selber. Frauen begegnen ihm nur in seinen sündigen Träumen. Wegen seines gutherzigen und etwas naiven Charakters wird er vom Oberhaupt des Sufi-Ordens dazu auserkoren, die "weltlichen Geschäfte" für das Kloster zu besorgen. Dazu brauche es ein gutes Herz, aber besser keinen zu gut entwickelten Verstand. Muharrem muss Mietzinse für die ordenseigenen Liegenschaften eintreiben. "Vergiss nicht: Gott ist allgegenwärtig" wird ihm mahnend auf den Weg gegeben. Dieser Satz begleitet ihn innerlich, als er - mit Handy und Anzug ausgestattet - in das moderne Istanbul entlassen wird. Diese fremde Welt, die voller Widersprüche und Verlockungen ist, verwirrt ihn zusehends und stürzt ihn schliesslich in eine Lebens- und Glaubenskrise.

"Takva" (Gottesfurcht) von Özer Kiziltan ist ein fesselndes Drama, das den Zuschauer, nach und nach, wie die sich im Gebet in Trance wiegenden Ordensanhänger, gefangen nimmt. Ein durchdringendes, aber nie aufdringliches Sounddesign, intensive Bilder und ein hervorragender Hauptdarsteller (Erkan Can): Der Film wühlt auf, sei einem das Thema, das er behandelt, noch so fremd. "Takva" ist die sechste Produktion der Gruppe «Yeni Sinemacilar» («Neue Filmemacher»), die in ihrer Heimat als innovative und hoffnungsvolle Erneuerer des türkischen Kinos gehandelt werden. Kopf der Gruppe ist der Drehbuchautor Önder Çakar. Der von Fatih Akin mitproduzierte Film hat Erfolg. In der Türkei wurde er zum Kassenschlager, an Filmfestivals weltweit mit Preisen geradezu überschüttet. Interessanterweise wurde "Takva" in der Heimat sowohl von religiösen wie auch religionskritischen Kreisen positiv aufgenommen. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Film nicht wertet. Er ist in enger Zusammenarbeit mit den Sufi-Derwischen des Klosters entstanden und ermöglicht so einen seltenen Einblick in eine von der Aussenwelt abgeschlossene religiöse Gemeinschaft.

Die skeptische Haltung Kiziltans gegenüber fanatischer Religionen zeigt sich trotz seiner vorsichtigen filmischen Annäherung, in seiner Aussage: «Alle Ideologien und Religionen, welche jegliche Individualität verleugnen, führen zur Unterdrückung und Ablehnung des Humanismus und Rationalismus. Dies führt früher oder später in den Wahnsinn.»

07.06.2021

4

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Kommentare

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akmurat

vor 15 Jahren

Ist es eine Klosterbruderschaft oder ist es einfach nur eine Sektenwelt? Habe nicht alles verstanden. Welche Absichten hatte z. B. der überhöfliche Herr, der jeden Preis für die Säcke zu zahlen bereit schien? Einflussreiche "Freunde" kaufen? Vom "rechten Weg" abbringen?

Der Sektenchef gab viele "hochintelligente" Sprüche zum Besten. Kaum verständlich in der Originalsprache. Noch verwirrender in der Uebersetzung. Wenn die Aussage des Films nur das war, dass diejenigen, welche am lautesten schreien am meisten Dreck am Stecken haben; Dann - na ja... Im Gesamten darf der Film als gut bewertet werden - nur schon wegen der Schauspielerleistung und der Eigenartigkeit. Aber eben, sehr schwierig zu verstehen.

Der Verständigung wegen möchte ich erwähnen, dass der Muslim nach dem Erguss als "unrein" gilt und deshalb danach eine Ganzkörperreinigung unter fliessendem Wasser eine Pflicht ist.Mehr anzeigen


gigigi

vor 15 Jahren

Empfehlenswerter Film für dijenigen welche spezielle Filme mögen. Um zu verstehen, was im Kopf des Hauptdarstellers vorgeht, braucht es lange. Das Ende kommt dann schnell und überraschend.


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