Shoppen Deutschland 2006 – 90min.

Shoppen

Filmkritik

Der Konjunktiv von Liebe

Flavia Giorgetta
Filmkritik: Flavia Giorgetta

Neun Männer, neun Frauen, neunmal fünf Minuten. Im Schnelldurchgang versuchen Singles im Supermarkt der Gefühle einzukaufen. Das ist nicht nur witzig, sondern oft erstaunlich ernst - ein bemerkenswerter Spielfilmerstling.

Falk (Christian Pfeil) sucht die Liebe. Die einzig wahre Liebe. Darum ist er hier, in einem kargen Raum, eine grosse Stoppuhr im Blick. Ihm gegenüber sitzt eine Frau, fünf Minuten lang, dann steht er auf, setzt sich zu einem neuen Vis-à-vis, neun Frauen lang. Am Schluss, das ist das Ziel, kreuzt er eine Frau an, die ihrerseits seine Nummer will, und beide sind gemeinsam glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Speed-Dating heisst diese moderne Art der Partnersuche, und es ist beileibe nicht eine Erfindung eines gewitzten Filmemachers, sondern aus dem Leben von Grossstadtsingles gegriffen. München, diese "Scheissstadt", sei ein "verdammtes Verhütungsmittel", schreit Isabella (Katharina Schubert) auf die Frage, ob sie denn Kinder möchte, in die Runde. München kann natürlich auch für Zürich stehen oder Tokio, wo Selbstverwirklichung und Lifestyle so in den Vordergrund gerückt sind, dass es viele nicht mehr schaffen, sich einem Menschen bis zur Verbindlichkeit zu öffnen. Dass Liebe da ist, in Grossbuchstaben, und nicht ein One-Night-Stand, nicht eine Affäre, nicht eine Schweigebeziehung. Wenn der erste angenehme Körperkontakt im nicht mehr ganz so neuen Jahrhundert eine medizinische Massage ist, wenn zur Kontaktaufnahme im Supermarkt ohne Empfang ein Telefongespräch vorgetäuscht wird, wenn die vermeintlich neue Freundin allergisch auf Umarmungen reagiert und ein Taxi ruft: Was tun? Im Speed-Dating treffen sich aber nicht nur Romantiker, auch schnelle Nummern werden getauscht. Oder gar keine: Nicht jeder wird am Ende eine Telefonnummer freigeschaltet bekommen. Und manchmal schlägt der Liebesblitz gar einseitig ein.

"Shoppen" lebt von den ausnahmslos wunderbaren (Theater-)Schauspielern und von einem durchdachten Drehbuch mit viel Drive. In seinem Spielfilmerstling schafft der Autodidakt Ralf Westhoff den Seilakt zwischen Komik und Ernst. Schnelle, pointierte Dialoge und bei 18 Figuren zwangsläufig grob skizzierte (aber erstaunlich komplexe) Lebenshintergründe verbergen nie die Trauer, die so viele der Singles (manchmal tief verborgen) in sich tragen. Am Ende schimmert bei einigen Hoffnung am Horizont, und vielleicht lassen sich die einen oder anderen fallen in dieses Risiko: Beziehung.

02.07.2007

5

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Kommentare

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Tatschi82

vor 6 Jahren

Klasse! Hatte nichts erwartet, als ich ins Kino ging und dann das: Super Charaktere und total witzige Dialoge! Du siehst total übersäuert aus - so ganz grau im Gesicht und dieser stumpfe Blick...


regororravan

vor 8 Jahren

Weil man reden können muss, um die große Liebe zu finden


berndfr

vor 11 Jahren

Der Film hört zu früh auf.
Im Grunde ist er Stoff für eine Serie.
Im Grunde könnte jedes „ Paar“ Gegenstand eines eigenen Films sein:

Die Pragmatiker (Isabella und Thorsten)
Sie mit dem vielköpfigen Kinderwunsch, er mit dem gutbezahlten Job (und der tollen Wohnung): Warum auch nicht? (Hoffentlich mag sie Katzen)
Die Romantiker (Susanna und Jens)
Seine Idee, sich nicht anzurufen und auf eine zufällige Begegnung zu vertrauen: Kompliment.
Die Leidenschaftlichen (Katharina und Jürgen):
Mal sehen, wie lange die Gemeinsamkeiten halten. Irgendwann will er vielleicht bloß mit seinem Kumpel ins Kino und lässt sie allein im Bett...
Die Zerstrittenen (Jasmin und Markus)
Das könnte ein eigener Film sein, in dem die sich zusammenraufen...
Die Psychodramatischen (Miriam und Jörg)
Die schaffen es wohl nicht. Sie will eine Familie, in der sie wieder Kind sein darf, nachdem sie ihre eigene durch die Tragödie verloren hat. Er möchte wohl eher ein Publikum für sein Redetalent. Das wäre u. U. ein Posten für Irina...
Das Außergewöhnliche (Jule und Patrick):
Nicht schlecht, wie er sich vom Partymeister zum Fürsorglichen entwickelt.
Und dann noch.. (Susanne und Egon)
Immerhin ist sie die Einzige, die im Verlauf des Datings mal eine politische Frage stellt. Wenn er noch etwas an Selbstbewusstsein zulegt und nicht sofort eingeschüchtert ist, wenn sie mal wieder explodiert, könnten die sich mit der Zeit weiterentwickeln.

Und die verbliebenen Singles:
Mediha: Zuhören lernen!
Irina: Das wird schon noch!
Frank: Vertrauen lernen. Vor allem Frauen, die ihm Selbstbewusstsein vermitteln wollen, wie es Susanna im Dating ja schon versucht hat.
Falk: Hat es sich redlich verdient, Single zu bleiben, durch seinen unmöglichen Auftritt gegenüber Jule und seine unsensible Haltung gegenüber Isabella. Eintrainierter Charme allein reicht nicht.Mehr anzeigen


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