Marie Antoinette Frankreich, Japan, USA 2006 – 123min.

Filmkritik

Die Paris Hilton des 18. Jahrhunderts

Filmkritik: Dominique Zahnd

Regiewunderkind Sofia Coppola drehte in den Originaldekors von Versailles ein recht freches und gewagtes Porträt der schillerndsten französischen Königin. Ein Film, der polarisiert.

Trommelwirbel und Tusch - das ist er nun, Sofia Coppolas mit Spannung erwarteter dritter Film. Nach seiner Premiere auf den Filmfestspielen in Cannes gab es böse Schelte und Buhrufe von der versammelten Presse. Gerade die Franzosen waren "not amused" über die sehr freie historische Darstellung. Und dann wagt es Frau Coppola auch noch, nicht politisch Stellung zu beziehen und mit einer naiven Erzählweise zu provozieren. Unglaublich - aber klasse.

"Marie Antoinette" erzählt das Leben der gleichnamigen habsburgischen Prinzessin, die vierzehnjährig mit dem französischen Kronprinzen und späteren König Louis XVI. verheiratet wurde. Sie starb mit 38 Jahren während der französischen Revolution 1793 unter der Guillotine. Ihr spektakuläres Leben in Versailles und ihr tragischer Tod bieten den perfekten Stoff für opulentes Historien-Drama. Und genau das hat die Regisseurin nicht abgeliefert.

Was das Dekor und die Kostüme betrifft, so wird dem Bombast und Prunk damaliger Zeiten zwar Rechnung getragen. Auch die präzise Darstellung des komplexen Hofzeremoniells wirkt akribisch recherchiert. Doch wie gesagt, ein Historienfilm ist es trotzdem nicht so richtig. Sofia Coppola will - wieder einmal - einen Menschen zeigen, der in einem Vakuum lebt. Eine junge Frau, die in Einsamkeit und Isolation erstarrt. Coppola zieht hier Parallelen zum Teenagermädchen Lux aus «The Virgin Suicides» (1999). Auch dort mimte Kirsten Dunst ein unverstandenes Girlie, das getrieben wird von einer bittersüssen Melancholie und einem frivolen Temperament. Dunst spielt gut und verkörpert die Verzweiflung und Überforderung Marie Antoinettes perfekt, die viel zu jung auf dem Thron Platz nehmen muss.

Die Protagonistin ist ein Pompstar, der in einem goldenen Käfig ohne einen Anspruch auf Intimsphäre lebt. Selbst in der Hochzeitsnacht steht der Hofstaat an der Bettkante des frisch vermählten Paars. Was Coppolas Werk so angriffig macht, ist ihr durchaus spannender Ansatz, das Zelebrieren der damaligen Hofkultur mit dem heutigen Reality-TV-Irrsinn zu mixen. Alles nach dem Prinzip "Holt mich hier raus, ich bin ein Star". Marie-Antoinette wird einerseits subtil und unaufdringlich inszeniert, dennoch ist sie ein überdrehtes Püppchen, eine Paris Hilton des 18. Jahrhunderts. Inklusive Hündchen auf dem Schoss. Sie ist reich, gelangweilt, luxusgeil - und shopping-süchtig. Sie verzehrt sich nach Schuhen vom angesagten New Yorker Designer Manolo Blahnik und Torten vom hippen Pariser Patissier Ladurée. Der Champagner fliesst immer in Strömen, das Leben ist eine Party - und der New Wave-lastige Soundtrack wird dominiert von The Cure und New Order. Einer von vielen Widersprüchen, die diesen Film gewagt und irgendwie ziemlich cool machen.

25.11.2020

4

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Kommentare

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Gelöschter Nutzer

vor 12 Jahren

Ein äußerst handlungsarmer Streifen, bei dem anscheinend nur großen Wert auf die aufwendigen Kostüme gelegt wurde. Die Darstellung der steifen Hofetikette nimmt weiten Raum ein, wobei die sich wiederholenden Anlässe eine gewisse Monotonie verbreiten. Die Anlehnung an historische Korrektheit – hier der Vorabend der Französischen Revolution – ist eigentlich bedeutungslos. Und wenn man es schafft, sich das höfische Treiben längere Zeit anzuschauen, wird man durch Heavy Metal wachgedröhnt. Das ist ebenso unpassend wie die gesungenen Arien akustische Schmerzen bereiten.
Und wenn wirklich was passiert und der Dauphin schafft es die Ehe zu vollziehen, geht es im Stakkato-Tempo: völlige Dunkelheit – Kirsten Dunst stöhnt kurz auf – Geburtsschrei des Thronfolgers – fertig.
Ein Film, den die Welt nicht braucht und für den die Bezeichnung Kostümschinken noch geschmeichelt wäre. Oh Sofia, was hast du dir nur dabei gedacht!?Mehr anzeigen


mamama

vor 15 Jahren

einige denken, das es sehr unrealistisch gespielt ist doch ich bin nicht dieser meinung, für die die es ganz genau wollen, dann kann ich es verstehen, doch für mich war es so genau richtig, ich finde gut, dass sie das schreckliche ende nicht gezeigt haben, das hätte mir gerade noch gefehlt!!!Mehr anzeigen


kohlkohl2

vor 15 Jahren

Die Hinrichtung wäre wirklich erst das bittere Ende gewesen. Hätte man ja symbolisch darstellen können. Z. B. Hinfahrt und bloss das Geräusch des fallenden Beils. (Nach der Langeweile hätte Kristen es echt verdient...)
Abgesehen davon hätte die Geschichte selbst noch Stoff für Endbewegung im Film geboten: Am 20. Juni 1791 versuchte die königliche Familie nämlich ins Ausland zu fliehen. Der Lover Lord Fersen führte die Flucht an, die leider an der Grenze scheiterte.Mehr anzeigen


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